2007-01:Das grüne blatt als offenes Medium?

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Das grüne blatt als offenes Medium?

sp Die meisten Zeitungen sind Organe derer, die sie machen – in der Regel gibt es eine zentrale Redaktion, die „von oben“ auswählt und entscheidet, womit später Papier bedruckt werden soll. Einem Anspruch auf umfassende Gleichberechtigung werden klassische Druckerzeugnisse nur selten gerecht. Dabei bilden auch linke, libertäre, oder radikalökologische Medien keine Ausnahme. Allerdings erwächst aus dieser kritischen Betrachtung - wenn auch in zu kleinem Kreis – die weitergehende Diskussion: Wie könnten eigentlich gleichberechtigte Printmedien aussehen? Ziel offener Printmedien wäre, Horizontalität zwischen allen Beteiligten zu schaffen. Damit gemeint ist die Annäherung an eine Utopie, in der Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und es keine ungleichen Durchsetzungsmöglichkeiten mehr gibt.

Die Trennung zwischen Macherinnen und Leserinnen wird - alles andere wäre verklärend - auch beim grünen blatt abgebildet. Vor diesem Hintergrund haben einzelne, länger oder erst frisch an diesem Zeitungsprojekt beteiligte Personen angefangen, eingehender zu überlegen, wie das grüne blatt ein offenes Medium werden könnte. So gab es einen Workshop auf dem Jugendumweltkongress sowie ein eintägiges Treffen in Magdeburg, wo erste Schritte geplant und mögliche Probleme aufgegriffen wurden.

Als Plattform für ein offenes grünes blatt wurde unter http://www.gruenes-blatt.de/wiki ein Wiki eingerichtet – eine Internetseite, die auch ohne Programmierkenntnisse frei verändert und erweitert werden kann. Dort können jederzeit Artikel, Buchbesprechungen oder andere redaktionelle Beiträge eingestellt werden.

Das Wiki soll auch erleichtern, dass das Layout dezentral organisiert werden kann: Für jede neue Ausgabe – so der aktuelle Stand – gibt es eine Seite, auf der transparent gemachte werden kann, welche Texte oder Anzeigen geplant, vorliegend oder bereits ins Layout eingebunden wurden. In einer Tabelle können Menschen selbstständig eintragen, welche Seiten sie gerade layouten, damit keine Doppelarbeit oder Kollisionen entstehen.

Über das Wiki sind auch die notwendigen Maße und Anforderungen seitens der Druckerei einsehbar. Außerdem können die Standardschriften-, -Logos und Grafiken herunter geladen werden, damit es mindestens theoretisch möglich ist, mit dem Layout- oder DTP -Programm der eigenen Wahl zu werkeln. Bis auf die Kopfzeile mit dem schwarzen Balken ist eigentlich fast alles individuell gestaltbar, damit die Beteiligten sich individuell verwirklichen können und keine unproduktiven Streits über die „beste“ Überschrift führen müssen.

Das von viele Druckerein standardmäßig als Druckvorlage genutzte Dateiformat .pdf kann – manchmal über Umwege – von fast allen (semi-)professionellen Layoutprogrammen erzeugt werden. Wenn die layouteten Seiten mit gleichen Einstellungen gewandelt wurden, steht also einer dezentralen Erzeugung von Druckdateien auch technisch nur wenig im Wege.

Erste Versuche

Für die Ausgabe „Winter 2006“ war die Wiki-Struktur sehr hilfreich, weil das Endlayout an zwei geographisch weit entfernten Orten gemacht wurde. Dabei gab es immer wieder Telefonate zwischen den Beteiligten, um sich genau abzustimmen oder Fragen zu klären. Daran zeigt sich für mich, dass die Kommunikation eines horizontalen Mediums nicht nur über das immer dominanter werdende Internet laufen kann. Es bleibt ein Prozess, der zwar durch manche Technik erleichtert, im Grunde aber von den beteiligten Personen aktiv voran getrieben werden muss.

Offene Fragen

Die Diskussion um horizontale Medien steht erst am Anfang. Das Sammeln offener Fragestellungen und ungelöster Probleme kann natürlich sofort beginnen. Aber allein aufgrund der fehlenden Praxis ist es sicher schwer bis unmöglich, schon zu diesem Zeitpunkt greifbare Umgangsweisen mit allen auftretenden Schwierigkeiten zu entwickeln. Einige dieser Fragen könnten sein: Wie werden Unstimmigkeiten oder Widersprüche in offenen Systemen ausgetragen? Was ist, wenn ? Was ist, wenn so viele Menschen sich aktiv mit Beiträgen einklinken, dass definitiv nicht alle abgedruckt werden können? Nach welchen Verfahren entsteht dann die Druckausgabe? All diese offenen Fragen werden nicht einfach zu handhaben sein, aber sie sind notwendiger Teil eines Entwicklungsprozesses, wenn neue Wege für emanzipatorische Medien beschritten werden sollen. Ebenso wichtig wird sein, dass sich überhaupt andere und mehr Menschen einmischen. Ansonsten führen alle Mühen, um Offenheit zu fördern, nur dazu, dass die bereits Aktiven zusätzlichen Aufwand haben.