2008-01:Wie die Krankenschwester in das Sparschwein passt

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Wie die Krankenschwester in das Sparschwein passt...

oder: Über das Spenden

Jimmy Boyle Berlin Seit Ende letzten Jahres wird man als Nutzer der Berliner U-Bahn auf Erstaunliches hingewiesen: Große Plakate der Kindernothilfe weisen darauf hin, dass einem ein Brunnen am Ohr hinge und man sich mit Schulbüchern eincreme. Im Folgenden soll gezeigt werden, warum diese Kampagne gegen Kinderarmut nicht nur auf den ersten Blick schräg erscheint, sondern es auch ist.

Der Zusammenhang

Das Plakat erklärt seine scheinbare Absurdität im Untertitel: „Pflegeprodukte kaufen oder Zukunft schenken!“ Indem man sich also dafür entscheide, Geld für seine Körperpflege auszugeben, scheint man sich automatisch dagegen zu entscheiden, Geld für die Zukunft eines Kindes zum Beispiel in Afrika auszugeben - denn die kostet nicht viel mehr. Da das Geld also nicht beim Kind in Afrika landet, hat es keine Zukunft: Dein Luxus ist sein Leid!

...Moment mal!

Indem ich mein Geld für Pflegeprodukte ausgebe, treffe ich offenbar eine weitreichende Entscheidung mit politischer Brisanz. Ich habe nämlich den Entschluss gefasst, dieses Geld nicht nur nicht für Schulbücher in Afrika auszugeben, sondern auch dafür, es nicht in Essen für Obdachlose, Aufforstung, den Artenschutz, die Krebshilfe usw. zu investieren. Irgendwas scheint da nicht zu stimmen: Not und Elend überall, und all das hängt von meinem Geldbeutel ab? Im Gegensatz zu den Spendengalas, bei denen sich diejenigen versammeln, die sich nicht zwischen Spenden und Eincremen zu entscheiden brauchen, wendet sich dieser Aufruf der Kindernothilfe an die, die es müssen. Die, die sich die Entweder-oder-Frage in Bezug auf Sparen, Cremes und Schmuck stellen, das ist die breite Masse. Es soll sich jeder Fahrgast fragen: Wie viel darf ich mir leisten?

„Im Vergleich zu den armen Kindern in Afrika, geht's uns doch gut!“

Darauf, dass sich die meisten Leute auf diese Frage auch tatsächlich einlassen, können die Macher dieser Slogans zählen. Denn die Vorstellung, dass der eine das zu viel hat, was dem anderen fehlt, ist weit verbreitet. Die Frage „Pflegeprodukte kaufen oder Zukunft schenken“ spricht das schlechte Gewissen derer an, die sich mit ihrem Konsum verantwortlich für die Armut in Afrika fühlen. Auf Grund dieses Schuldbewusstseins wird die eigene Beschränkung nicht mehr als solche wahrgenommen. Im Gegenteil werden die Bedürfnisse, die man im Unterschied zu Menschen in Afrika befriedigen kann, als dekadent oder zumindest ihre Befriedigung als Luxus verstanden. So trifft die Aufforderung zum Verzicht auf ein beschämtes und williges Publikum.

Über die Ursachen von Armut

Die Überwindung von Armut ist keine Sache von „wenn doch nur jeder ein bisschen abgeben würde“! Dieser Vorstellung liegt ein Bild von Mangel zu Grunde, welchen es so gar nicht gibt. Denn die Menschen in Afrika leiden nicht an Hunger und Krankheiten, weil die europäischen Lohnabhängigen es sich zu gut gehen lassen. Ebenso wenig lassen sich die Gründe für ihr Elend etwa daran festmachen, dass nicht genug Essen und Medikamente hergestellt werden könnten. Beim heutigen Stand der Technik könnten auch für Leute der Sahel-Zone Nahrung und Medizin im Überfluss hergestellt, Krankenhäuser gebaut und Brunnen gegraben werden. Nur geschieht nichts dergleichen, solange nicht darauf spekuliert werden kann, dass derjenige, der Hunger hat, das Essen auch bezahlen kann. Das ist eine Konsequenz aus der Art und Weise, wie hier und in Afrika produziert wird, nämlich der kapitalistischen Produktionsweise. Zweck dieser Ökonomie ist es eben nicht Bedürfnisse zu befriedigen, sondern aus Geld mehr Geld zu machen. Bedürfnisse zählen einzig als Mittel zu diesem Zweck. Das Privateigentum stellt sicher, dass weder erarbeitete Produkte noch Produktionsmittel denen zur Verfügung stehen, die sie brauchen, sondern denen, die sie dazu benutzen, worum es im Kapitalismus geht: Waren herzustellen, deren Verkauf mehr an Erlös verspricht, als für deren Herstellung vorgeschossen wurde. Auf diese Weise sind von Allem, was gesellschaftlich produziert wird, diejenigen ausgeschlossen, denen das nötige Kleingeld fehlt; egal, ob es sich dabei um Brot, um Hautcreme oder um Weltraumflüge handelt. Und das haben Deutschland und Afrika gemeinsam. Zwar sehen die konkreten Ergebnisse in Deutschland etwas anders aus als in weiten Teilen Afrikas; das Prinzip, auf welchem sowohl das Massenelend dort, als auch die Armut hier, beruhen, ist das gleiche: die kapitalistische Produktionsweise.

Und die Moral von der Geschicht'…

So gut gemeint das Spenden auch sein mag, so ignorant ist diese Aufforderung der Kindernothilfe dazu. Sie ziehen diejenigen für die Armut in Afrika zur Verantwortung, die jene paar Kröten, die ihnen an Mitteln zur Verfügung stehen, für sich selbst nutzen. Aus der Moral, mit der sich jedes noch so beschissene Lohnarbeiterdasein schön reden (aber nicht erklären) lässt, soll hier ein praktischer Schluss vollzogen werden: Das Maß an Verzicht- in welchem man als gewöhnlicher U-Bahnfahrer ohnehin geübt ist- soll noch ein wenig nach oben geschraubt werden. Wer sich diese Moral zueigen macht, der ändert an den gesellschaftlichen Verhältnissen und damit an der Ursache von Armut gar nichts!

PS: Pro/Contra Spenden ist nicht die Frage!

Um Missverständnisse zu vermeiden: Unser Anliegen ist es nicht zu erörtern, ob das Spenden gut oder schlecht ist. Dass es eine schlechte Sache sei, versuchen bereits andere zu zeigen, indem sie daraufhin weisen, welche negativen Konsequenzen das Spenden nach sich zieht: Märkte vor Ort gingen kaputt und Abhängigkeiten entstünden. Damit meinen Kritiker dieser Art, dass Leute, die ihren Lebensunterhalt über den Markt vor Ort bestreiten, eben diese Lebensgrundlage verlieren, wenn ihren Kunden auf einmal mit Entwicklungshilfe über die Runden geholfen wird. Ein solcher Standpunkt ist deshalb ziemlich zynisch, weil er den Markt als selbstverständliche Lebensgrundlage der Menschen unterstellt, obwohl die Menschen gerade wegen ihrer Verwiesenheit auf ihn arm sind! Wenn man etwas dagegen hat, dass Menschen verhungern, dann ist es konsequent sich über die Ursachen dieses Übels klar zu werden, um diese dann bekämpfen zu können. Wir wenden uns gegen ein falsches Bewusstsein darüber, wie Armut im Kapitalismus entsteht und was das Spenden dagegen angeblich leisten können soll.

Anmerkung

Dieser Text wurde im Herbst 2007 von Jimmy Boyle Berlin anlässlich der Spendenkampagne des Kinderhilfswerkes produziert.