2008-02:Spiel und Spaß und Staatenkonkurrenz

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Sport und Spiel und Staatenkonkurrenz

Warum sich auch im Sport die Staaten messen und was sie davon haben

von der Gruppe jimmy boyle Berlin


Im August findet mal wieder ein internationaler Sportwettkampf statt, diesmal in Beijing und anderen chinesischen Städten. Dort kommen SportlerInnen zusammen, um sich in Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit zu messen. Das scheint erstmal eine ganz harmlose Veranstaltung zu sein und die meisten Leute winken ab, wenn man darin etwas Politisches sieht. Tun wir aber trotzdem. Die WettkämpferInnen treten schon mal nicht alleine, einfach als Sportskanone und nur als solche, sondern stets als VertreterInnen des Landes, dessen Pass sie haben. Es erscheint als größte Selbstverständlichkeit, dass sie in dieser Funktion ihre Siege und Niederlagen für eben jene Nation sammeln. Genauso selbstverständlich wie der Umstand, dass alle ZuschauerInnen „ihren“ SportlerInnen, den SportlerInnen aus dem eigenen Staat die Daumen drücken. Hier geht es also um mehr als um die reine Muskelkraft und das größere Durchhaltevermögen Einzelner oder einzelner Mannschaften.

Obgleich vom Ergebnis dieser Wettkämpfe für keinen Staat etwas abhängt – Deutschland oder China können sich nichts davon kaufen, wenn ihre AthletInnen die meisten Goldmedaillen einheimsen –, mischen alle Staaten ordentlich mit. Ohne die Beteiligung der meisten Staaten wären solche Veranstaltungen schwer möglich. Die Verbände, in denen sich die SportlerInnen organisieren und die für die Organisation der Wettkämpfe zuständig sind (bei Olympia das Internationale sowie die Nationalen Olympischen Komitees), kriegen viel Geld und Infrastruktur vom Staat. Am Austragungsort werden die Stadien und etliches mehr ebenfalls vom Staat in Auftrag gegeben und finanziert.

Warum machen die Staaten das? Das Einzige, was herausspringt, ist der Jubel der Masse – und das Prestige für die Siege. Und da spätestens zeigt sich das Politische an einer scheinbar nur sportlichen Veranstaltung: Das Daumendrücken oder Fahnenschwenken ist alles andere als unpolitisch. Damit anerkennt jedeR – und das auch noch wie selbstverständlich – die (eigene) Unterordnung unter das Prinzip Nation mitsamt des ganzen staatlichen Imperialismus und seiner permanenten Unter- und Überordnung und freut sich, Mitglied in diesem herrschaftlichen Laden sein zu dürfen. Es ist die Identifikation mit dem „eigenen“ Team, mit dem man nichts gemeinsam hat, außer in der Regel dieselbe Staatsangehörigkeit. Von diesen, den „eigenen“ SpielerInnen wird dann aber auch ein Sieg erwartet. Sie sollen am Austragungsort der Staatenkonkurrenz auf ideellem Gebiet mit ihrem Sieg die Nation adeln.

Und der Staat, der die Spiele veranstaltet, hat davon nochmal ein Extra an Renommee – er kann sich in besonderer Weise präsentieren. China etwa als Veranstalter der Olympischen Sommerspiele 2008 legt sich mächtig ins Zeug und lässt sich das Spektakel einiges kosten. Weil es sich darstellen will als ernst zu nehmender Player auf der globalen Bühne – in jeglicher Hinsicht. Das machen erstmal alle Staaten so, und zwar bei sportlichen, musikalischen oder sonst welchen Wettbewerben. Auch China kriegt für pompöse Spiele keinen Extra-Titel auf dem Weltmarkt verliehen – aber es kann darstellen, für wie mächtig es sich hält. Und alle anderen erkennen das durch ihre Teilnahme ein Stück weit an.[1] Ziel ist die Steigerung des Renommees – ob es klappt, das heißt, ob die anderen Staaten China gewähren lassen oder ob sie China bei diesem Show-Manöver nochmal extra ans Bein pinkeln, steht auf einem anderen Blatt.

Das hängt davon ab, ob andere Staaten die Repräsentanz der Stärke eines Konkurrenten würdigen oder sie in Zweifel ziehen. Für die Anmeldung und Durchsetzung jeglicher Interessen eines jeden Staates ist seine Anerkennung notwendige Voraussetzung – und da die Welt heutzutage fast ausschließlich aus kapitalistischen Nationalstaaten besteht, bedeutet das stets die Anerkennung der Interessen eben dieser kapitalistischen Nationalstaaten[2]. Manchem Staat wird diese Anerkennung verweigert. Andere leugnen schlicht seine Existenz, stellen ihn militärisch in Frage oder machen ihn ökonomisch fertig etwa mittels eines kompletten Handelsboykotts. Dann ist seine Souveränität, das höchste Gut jedes Staates, nichts wert – und muss ganz praktisch, also wiederum mit Waffengewalt, erkämpft werden. Wird die politische Herrschaft eines Landes dagegen zwar praktisch anerkannt (also z.B. seine Grenze insofern respektiert, als da keine fremden Soldaten einmarschieren), aber nicht de jure, also wird er ignoriert (andere schließen keine Verträge mit dem Staat, haben keine diplomatischen Beziehungen mit ihm), gestaltet sich sein Einklinken in die weltweite Konkurrenz zwar nicht unmöglich, aber schwierig. Er muss sich zwar auch an alle Spielregeln von IWF, Weltbank usw. halten, kann aber über sie nicht mitentscheiden[3]. Auf dem Weltmarkt treten alle an im Bemühen, die eigenen Interessen zu verfolgen und sich die der anderen nutzbar zu machen. Wird also einem Staat abgesprochen, seine Interessen vertreten zu dürfen, hat er wenig zu melden. Deswegen dreht sich so viel um genau diese Anerkennung, und zwar bei jedem Schlagabtausch, Vertrag und Krieg zwischen Staaten. Das soll nicht heißen, dass es des Sports bedarf, um ein ganzer Staat zu sein – es ist aber eine Verkehrsform, eben diese Staatenkonkurrenz auszutragen.

An China will sich der Westen eigentlich bereichern. Inzwischen hat China es aber zu einem konkurrenzfähigen Teilnehmer an der weltweiten Ökonomie gebracht, der dem Westen eben zu erfolgreich ist. China wird beschuldigt, die kapitalistische Erfolgstour nur für ein nationalistisches Projekt zu verfolgen. Gerade so, als beteilige sich China und nur China am Weltmarkt ausschließlich aus einem Grund, nämlich um Weltmacht zu werden. Never mind, dass dasselbe auch auf die EU zutrifft. Deswegen ziehen USA und EU das Extra an Anerkennung für den Gastgeber in Zweifel. Mittels des Einmischungstitels Menschenrechte wird China vorgeführt und der Vorwurf erhoben, dass es sich Vorteile erschleiche gegenüber anderen Staaten, die sich z.B. dem mühsamen Weg der demokratischen Herrschaft verschrieben haben. China verbittet sich jede Einmischung („in innere Angelegenheiten“)[4] und tritt den diplomatischen Provokationen mit einer Mischung aus Zugeständnissen (Verhandlungen mit unteren Chargen der exiltibetischen Regierung), Zurückweisung der Kritik und eigenen Maßnahmen (Boykott einer französischen Supermarktkette) entgegen.


Fußnoten

  1. Als die Sowjetunion ein Jahr vor den 1980 in Moskau ausgetragenen Olympischen Spielen in Afghanistan einmarschierte, sorgte US-Präsident Carter dafür, dass aus den USA kein einziger Sportler anreiste – so sieht es aus, wenn ein Staat gegenüber dem Gastgeber kein Quäntchen dieser Anerkennung leisten will. Gegenüber China will sich das so leicht keiner erlauben.
  2. Wer neugierig geworden ist, kann auf [www.junge-linke.de/zur_sache.html] weiterlesen, konkret z.B. in den Texten [1] und [2].
  3. Dass viele Staaten herzlich wenig Macht auffahren können, wenn diese Regeln aufgestellt und ausgelegt werden, ist klar.
  4. Mehr dazu in unserem Text „Mit Tibet gegen China – Was die FreundInnen des Dalai Lama wirklich wollen“ auf junge-linke.net