2010-01:Kein Uranbergbau im Alentejo - Portugals radioaktives Erbe

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Kein Uranbergbau im Alentejo - Portugals radioaktives Erbe

Stadt verzichtet auf Uran-Millionen

Norbert Suchanek Weidende Schafe und Ziegen unter Korkeichen und unter silbrig in der Sonne glänzenden Olivenhainen; Gärten voller Orangen- und Mandarinenbäume; sanft gurgelnde, klare Bäche; duftende Rauchwürste, Schinken und der berühmte Käse von Nisa: Die Landschaft rund um das mittelalterliche Städtchen gleichen Namens in Portugal ist reich an Tradition und gutem Geschmack. Und das wollen die Menschen von Nisa im Norden des Alentejo für keinen Preis aufgeben, schon gar nicht für den Uranbergbau.

Portugal ist eines der Länder mit der längsten Uranausbeutungsgeschichte. Bereits vor genau 100 Jahren, 1909, wurde hier die erste Lizenz für den Abbau des gelben, radioaktiven Schwermetalls vergeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging portugiesisches Uranoxid sowohl an die britische als auch an die US-amerikanische Nuklearindustrie und die Atombombenentwickler. Bis 1991 wurden 62 Minen ausgebeutet, die meisten in Zentralportugal. Seitdem stockte der Uranbergbau vornehmlich aufgrund des eingebrochenen Weltmarktpreises. Doch mit dem Ansteigen der Nachfrage nach neuem Kernbrennstoff und dem Anziehen der Preise hängt seit 1998 das Damoklesschwert des radioaktiven Bergbaus über den rund 3.600 Einwohnern von Nisa. Denn in nur rund zwei Kilometern Entfernung von den Stadtgrenzen liegen die 1959 entdeckten größten noch nicht gehobenen Uranvorkommen Portugals. 60 Prozent des gesamten Uranerzes des Alto Alentejo liegen hier, über sechs Millionen Tonnen, woraus sich etwa 650 Tonnen Uranoxid gewinnen lassen.

Die Verdreifachung des Weltmarktpreises von Uranoxid (U3O8) zwischen 2000 und 2003 auf rund 66 Euro pro Kilogramm lockte schließlich internationale Konzerne auf den Plan. Nisas Uranvorkommen bekamen einen Wert von mehr als 43 Millionen Euro, bei geschätzten Gesamtinvestitionen von nur fünf Millionen Euro. Eine lohnende Rendite! Iberian Resources, die Gruppe Rio Narcea sowie zwei weitere Minenbetreiber stehen seitdem Schlange um eine Explorationslizenz. Doch noch bevor die portugiesische Regierung entschied, reagierten die Bürger von Nisa. Zusammen mit Vertretern der lokalen Wirtschaft gründeten sie die Anti-Uranbergbau-Bewegung MUNN (Movimento Urânio em Nisa Não).

2008 sprachen sich schließlich auch Stadtrat und Gemeindeversammlung klar gegen die Ausbeutung des Uranerzes im Landkreis aus. Stadt und Gemeinde würden sich jeglichen Uranbergbauplänen von Regierung und Nuklearindustrie entgegenstellen. Nisas lokale Wirtschaft basiere auf seiner historisch reichhaltigen Kulturlandschaft und auf der nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen wie dem berühmten Schaf- und Ziegenmilch-Käse von Nisa und den Thermalquellen. „Radioaktiver Uranbergbau jedoch lässt sich kaum mit einer qualitätsvollen, zertifizierten Nahrungsmittelproduktion und Gesundheits- und Kulturtourismus vereinbaren“, erklärt Nisas Stadtratspräsidentin Gabriela Tsukamoto.

Allein das neue in diesem Jahr eröffnete Thermalzentrum Nisas garantiere rund 100 dauerhafte, gesunde Arbeitsplätze. Die Uranmine würde hingegen lediglich 70 Jobs schaffen, und das auch nur für eine Dauer von vielleicht sechs bis maximal zehn Jahren. Der Uranbergbau habe aber nicht nur lokal negative Folgen, warnt Gabriela Tsukamoto. Durch den Tagebau entstehe radioaktiver Staub, den die Winde über die Landkreisgrenzen hinweg trügen. Und verseuchte Abwässer könnten den Fluss Tejo belasten, den Namenspatron der geschichtsträchtigen Region Alentejo. „Nisas Uranmine wäre ein Projekt mit einer geschätzten Lebensdauer von sechs bis acht Jahren, das aber über Jahrzehnte gravierende Konsequenzen nach sich zieht“, so António Eloy, Nuklearexperte der portugiesischen Anti-Atom-Bewegung „Movimento Não a Opção Nuclear“.

Ob im Tagebau oder untertage: jegliche Uranausbeutung habe Umweltschäden zur Folge, so die Lissabonner Umweltingenieurin Cláudia Derboven Sequeira. Laut Internationaler Atomenergieagentur (IAEA) seien die Abwässer und Abraumhalden der Uranproduktion besonders besorgniserregend, weil sie einen Großteil der Radioaktivität des Erzes beinhalteten sowie eine große Anzahl von Schwermetallen und anderen toxischen Stoffen. Bereits heute hat Portugal mit seinem nuklearen Erbe zu kämpfen. Die von den alten Uranminen verursachten Umweltschäden sind noch nicht annähernd beseitigt. Während der vergangenen rund 100 Jahre hatte Portugal 4000 Tonnen Uran mehrheitlich im Tagebau gewonnen und dabei 7,8 Millionen Kubikmeter Abraum produziert. Die Altlasten - mit Uran, Radium und ihren Zerfallsprodukten kontaminierte Abraumhalden, radioaktive Tagebaugruben und Schächte, Abwasserbecken und Schlämme - bedrohten Wasserressourcen und die öffentliche Gesundheit, erklärt Cláudia Derboven Sequeira.

Bis heute streiten die ehemaligen Arbeiter der 1991 stillgelegten größten Uranmine Portugals in Urgeiriça bei Viseu um angemessene Entschädigung für die gesundheitlichen Folgen. Vor allem in den ersten Jahrzehnten des Uranbergbaus waren die Arbeitsbedingungen skandalös. 115 der einst etwa 500 Bergarbeiter seien bereits an Krebs gestorben, so António Minhoto, der selbst in Urgeiriça Uranarbeiter war und heute die Umweltschutzgruppe Associação Ambiente em Zonas Uraníferas (AZU) leitet.

Doch nicht nur die Zentralregion Portugals ist von alten Uranminen und möglichen neuen Projekten betroffen. Auch die spanische Nachbarregion des Alentejo, die Extremadura, hat ausbeutbare Vorkommen. 2002 hatte Spanien zwar seinen Uranbergbau offiziell eingestellt, doch Ende 2008 bekamen das kanadische Unternehmen Mawson Resources sowie Berkeley Resources aus Australien die Lizenz zur Uranexploration in der Extremadura bei Cáceres und Salamanca.

Vergangenen September trafen sich deshalb Ex-Minenarbeiter, Nuklearexperten und Umweltschützer aus Portugal und Spanien in Mangualde bei Viseu zur ersten grenzüberschreitenden Konferenz der von Uranvorkommen betroffenen Regionen auf der iberischen Halbinsel. Die erste „Conferência Ibérica das Zonas Uraníferas“ endete mit einer Menschenkette vor der ehemaligen Mine Cunha Baixa im Landkreis Mangualde als ein abschließender Protest gegen jegliche neue Uranprojekte auf der iberischen Halbinsel.

Mit dabei war auch die Anti-Uran-Bewegung von Nisa, MUNN, die nicht müde wird, für eine nachhaltige, nicht-radioaktive Entwicklung ihrer Region zu kämpfen. Denn obwohl Stadträte und führende Lokalpolitiker sich bereits deutlich dagegen ausgesprochen haben, ist die Ausbeutung der Uranvorkommen Nisas noch nicht vom Tisch. Die Entscheidung über die Nutzung der radioaktiven Bodenschätze liegt bei der Regierung in Lissabon, und diese hält sich bislang noch alle Optionen offen. Deshalb sei es wichtig, so Nuno Sequeira von der Naturschutzorganisation Quercus, „immer wieder an die Fehler zu erinnern, die bei der vergangenen Uranausbeutung im Zentrum Portugals begangen wurden, an die von Krankheit gezeichneten Familien der Minenarbeiter, an die Umweltschäden und an die gravierenden Folgen, die der Bergbau für Nisa und die Region bringen würde.“