2013-02:Atomgefahren im Ostseeraum

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Atomgefahren im Ostseeraum

fb Die Ostsee ist das am meisten radioaktiv kontaminierte Meer der Welt. Das ist die Feststellung im 2007er Bericht des Sekretariats der Helsinki Commission (HELCOM) als Hintergrundmaterial für das amtliche Treffen der Kommissionsmitglieder im Herbst des selben Jahres. Der Gehalt an menschgemachten Radionukliden sei in diesem höher als in jeglichem anderen Wasserkörper der Welt. Verglichen mit dem Nordost-Atlantik und der Nordsee seien die Konzentrationen von Cäsium-137 in der Ostsee 40 bzw. 10mal höher. Ursache seien die oberirdischen Atomwaffentests der 1960er Jahre, die Tschernobyl-Katastrophe 1986 sowie Einleitungen von Radionukliden aus der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield (UK) in die Irische See, die auch in der Ostsee nachweisbar seien. Hinzu kommen die radioaktiven Emissionen der Atomkraftwerke rund um das Meer.

HELCOM hat seit 1984 Überwachungsdaten zur Radioaktivität in der Ostsee gesammelt. Dieses Material umfasst sowohl Radioaktivität im Meer als auch die Werte der Einleitungen aus Atomanlagen im Ostseeraum. "HELCOM ist eine zwischenstaatliche Kommission, die für den Schutz der Meeresumwelt im Ostseeraum arbeitet. Die Kommission wurde von den Ostsee-Anrainern gegründet. Grundlage ist die Helsinki-Konvention, die 1992 verabschiedet wurde." (Wikipedia)

Der Wasseraustausch der Ostsee mit dem Atlantik beträgt pro Jahr nur etwa 1%. Dadurch akkumulieren Schadstoffeinträge hier stärker als in anderen Meeren. Radioaktive Substanzen, die einmal die Ostsee erreicht haben, bleiben. Der Verdünnungseffekt durch den Austausch mit Ozeanen existiert nahezu gar nicht.

Die Kontaminationen aus Tschernobyl-Katastrophe, Atomwaffentests und Sellafield-Emissionen haben die Vergangenheit der radioaktiven Belastung der Ostsee gestaltet. Neue Einträge solcher Radionuklide gibt es heute vor allem mit den Abwässern, aber auch aus der Abluft, von Atomkraftwerken in der Region. Ein weiterer bedeutender Einzelverschmutzer ist der schwedische Studsvik-Atomkomplex. Jede Atomanlage verursacht ganz legale Freisetzungen von radioaktiven Stoffen an die Umwelt, und damit letztlich meist auch in das Meer. Für Radioaktivität gibt es jedoch keine unbedenklichen Grenzwerte. Die gesetzlichen Regelungen repräsentieren nur, was politisch als zumutbar eingestuft wurde. Weitere Quellen von Radionukliden sind die Atommülllager in den Anrainerstaaten, Uranabbaue und sonstige Fabriken und Anlagen der Atomindustrie. Auch solche Anlagen, die bereits vor Jahrzehnten stillgelegt wurden, sind von Bedeutung - sie haben in der Vergangenheit Radionuklide freigesetzt, aber sie können auch heute und in Zukunft Risiken darstellen, weil eine komplette Bereinigung von Atomanlagen kaum möglich ist. Beim Rückbau solcher Industrieanlagen wird oft nur verlagert, abgedeckt oder auch einfach ignoriert, was an Kontaminationen vorliegt. Oft handelt es sich um Zeitbomben, die ticken und eines Tages ihr radioaktives Inventar an die Biosphäre freisetzen können.

Ständige Transporte von Uran, Brennstäben, Isotopen und Atommüll kreuz und quer durch die Ostsee, aber auch über Land im Wassereinzugsgebiet des Meeres bergen das Risiko von Unfällen und Katastrophen - zuletzt eindringlich aufgezeigt durch den Brand eines Containerschiffs in Hamburg im Sommer 2013, bei dem Explosivstoffe, Waffen und hochradioaktives Material nebeneinander transportiert wurden und leicht zu einer gewaltigen Freisetzung von Strahlung und toxischen Stoffen hätten führen können.

Jede Atomanlage, jeder Transport, erhöhen das Risiko von Unfällen, aber auch die radioaktive Kontamination der Umwelt und Anwohner*innen der Standorte und Transportstrecken. Ständig wird die "ganz normale" Betriebsstrahlung von Atomanlagen und Transportbehältern mit Radionukliden freigesetzt: Gammastrahlung - und je nach Inventar auch Neutronenstrahlung - lassen sich durch kein Material hundertprozentig abschirmen. Ihre Intensität wird im besten Fall reduziert.

Ein unglaublicher Plan ist die Errichtung von Atommülllagern unterhalb der Ostsee im zerklüfteten, wasserdurchlässigen skandinavischen Granit, am Standort des AKW Forsmark und (eine billige Kopie dieses Konzepts) in "Onkalo" am Standort des AKW Olkiluoto. Diese "End"lager wären in direkter Meeresnähe, teils unterhalb des Ostseebodens, und werden ihr Inventar infolge von Unfällen, aber auch auf natürlichem Wege ins Meer ableiten. "Technische Barrieren" sollen das verhindern - über den Zeitraum von Millionen von Jahren, die der Atommüll gesichert werden muss, eine Unmöglichkeit.

Auch das ist ein Grund, jeglichen neuen Atomprojekten im Ostseeraum entschieden entgegen zu treten. Aber es ist auch wichtig, das Wissen zu diesen Risikoanlagen der Vergangenheit und Gegenwart zusammen zu tragen und für die Zukunft zu bewahren - auch für die Zeit, nachdem ihre sichtbaren Teile durch Abriss und Rückbau beseitigt wurden. Diesem Anliegen widmet sich das neue Anti-Atom-Projekt "Atomic Threats In The Baltic Sea Region". Es will eine Datenbank mit Informationen zu allen Atomanlagen im Ostseeraum aufbauen und füllen - einschließlich Kontakten zu kritischen Gruppen und Organisationen vor Ort. Außerdem soll das Projekt helfen, die meist isoliert agierenden Anti-Atom-Gruppen und Individuen miteinander zu vernetzen, um den Widerstand gegen diese Industrie zu stärken.

Aktivist*innen aus verschiedenen Regionen haben dieses Projekt gestartet und werden dabei von weiteren Organisationen unterstützt. In den nächsten Monaten soll recherchiert, publiziert, Veranstaltungen organisiert und Aktionen gestartet werden. Dieses Netzwerk/Projekt wird auch Plattform für gemeinsame Kampagnen einzelner oder vieler Teile dieser Kooperation sein. Es wird Arbeitstreffen und Skypekonferenzen geben; eine Mailingliste unterstützt bereits den Austausch miteinander.

Unterstützung ist willkommen: in Form von Beiträgen zu Recherchen und Veröffentlichungen, Medienarbeit, Übersetzungen, Organisation von Veranstaltungen, Spenden und Vorbereitung von/Teilnahme an Aktionen. Kontaktaufnahme ist unter atomicbaltic ÄTT nuclear-heritage.net[1] möglich. Mehr Informationen gibt es im Internet:


Atompolitik im Ostseeraum

Elf Länder befinden sich im Wassereinzugsgebiet der Ostsee, also in dem Bereich, aus dem Flüsse und andere Wasserströme in das Meer fließen: Belarus (im Norden und Westen), BRD (nur Teile Norddeutschlands), Dänemark (bis auf den Südwesten), Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen (kleine Bereiche), Polen, Russland (nur schmale Regionen im Westen des Landes) und Schweden. Außerdem gehören kleine Zipfel von Slowakei, Tschechien und Ukraine dazu.

Davon sind einige Länder aktive Atomstaaten (BRD, Finnland, Russland, Schweden; andere verfolgen eine Anti-Atom-Politik (Dänemark) oder haben keine atomwirtschaftlichen Ambitionen (Estland, Lettland, Norwegen). Belarus, Litauen und Polen wollen Atomkraftwerke bauen - jedenfalls wollen das deren Regierungen. Somit sind die politischen Ausgangsbedingungen sehr unterschiedlich. AKW-Neubauten sind in Belarus, Finnland, Litauen, Polen, Russland geplant; AKW-Erneuerungen in Schweden und eine Ausstiegspolitik gibt es offiziell in der BRD. In Schweden und Finnland werden Atommülllager direkt an und teils unterhalb der Ostsee geplant. Neue Uranabbau-Vorhaben gibt es in Finnland, Schweden und Polen. Beliebte Umschlagshäfen für Atommaterial sind St. Petersburg und Hamburg, aber auch in schwedische Häfen werden durch solche Transporte hoch frequentiert.

Einen weiteren Kontext der Atompolitik im Ostseeraum stellen internationale Verträge und Konventionen dar - z.B. EURATOM zur Förderung der Atomkraft in Europa als eine Säule der EU; die Espoo-Konvention, die Anrainerstaaten Beteiligungsrechte bei umweltrelevanten Vorhaben garantiert; die Aarhus-Konvention mit ihren Regelungen zum Umweltinformationsrecht und Klagemöglichkeiten.


Anti-Atom-Bewegungen

Organisationen und Aktivist*innen rund um die Ostsee sind sehr unterschiedlich organisiert. Dänemark ist ein Beispiel für das Verschwinden einer einst sehr starken Anti-Atom-Bewegung, nachdem sich die Politik ihren Hauptforderungen angeschlossen hatte. So sind dort jetzt kaum noch organisierte Anti-Atom-Initiativen zu finden, obwohl es weiterhin Atomgefahren gibt: Dänemark ist im Verhältnis zu den Ländern mit Atomkraftwerken am meisten von der radioaktiven Belastung im Meer betroffen. Nahe der Landesgrenzen befinden sich weiterhin aktive Atomanlagen. Und auch in Dänemark gibt es Probleme in Verbindung mit Atomkraft: einen stillgelegten Forschungsreaktor, ein geplantes Atommülllager und ein Forschungszentrum.

In Schweden gab es ähnliche, wenn auch nicht die selben Entwicklungen. Auch hier gab es in der Vergangenheit eine starke Anti-Atom-Bewegung, die bis in die Regierungspolitik Wirkung gezeigt hat. Dies führte zur Etablierung starker Verbände und deren Einbindung in Entscheidungsverfahren, Politik und Fördermittelflüsse. Andererseits gibt es - derzeit - kaum noch mobilisierbares Potenzial für Proteste gegen die aktuelle Pro-Atom-Politik Schwedens auf der Straße. Die wenigen bekannt gewordenen Anti-Atom-Aktionen wurden meist von Gruppen aus anderen Spektren organisiert. Das ändert sich jetzt möglicherweise wieder... Anzeichen dafür gibt es.

In Finnland gab es, vergleichbar der BRD, bis in die 1980er Jahre auch eine große Anti-Atom-Bewegung, die nach dem Baubeginn der umkämpften Anlagen (und auch nach der Verhinderung einiger Standorte) geschrumpft ist. Seit etwa 2008 ist die finnische Bewegung wieder stark gewachsen und aktiv geworden - es ist eine neue Generation, die gegen Olkiluoto-3 und die anderen Neubaupläne, Uranabbau-Vorhaben oder das Endlager Onkalo kämpfen - zusammen mit neuen und alten lokalen Bürger*innen-Initiativen und einzelnen Anti-Atom-Gruppen, die bereits seit Jahrzehnten aktiv sind. Im Land der angeblichen Renaissance der Atomkraft gab es auf jeden Fall eine Renaissance der Anti-Atom-Bewegung.

Zur BRD soll hier nicht viel geschrieben werden. Aber zumindest ein Verweis auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in Ost- und Westdeutschland ist notwendig. Darin ist begründet, warum es zu DDR-Zeiten kaum Anti-Atom-Aktivist*innen oder Gruppen im Osten gab - was sich ab 1990 massiv änderte. Atommülltransporte nach Lubmin aktivierten vor etwa zehn Jahren und dann wieder in den letzten zwei Jahren neue Gruppen und Menschen.

Und damit ein Schwenk in Richtung Osteuropa: Wenn auch wenig bekannt, gab es in den 1980er und 1990er Jahren in Polen Proteste gegen die Atomkraftnutzung - sogar recht erfolgreich. Davon ist im Augenblick nicht so viel zu bemerken, weil das Land einer massiven Propaganda von Regierung und Atomlobby für das geplante Atomprogramm unterliegt. Vereinzelt gab es Camps und Aktionen in den letzten Jahren, insbesondere gegen den AKW-Bau, aber auch gegen geplante Uranabbaue. Angesichts der Kampagnen der Atomlobby haben es Anti-Atom-Aktivist*innen hier im Moment allerdings verhältnismäßig schwer.

In Litauen hat zuletzt das Referendum gegen das AKW Visaginas gezeigt, dass ein Großteil der Bevölkerung der Atomkraft kritisch gegenüber steht - wenn auch die Regierung an dem Projekt festhalten möchte. Vor dem Referendum gab es mehrfach Bündnisse, die solche Gesetzesinitiativen vorbereiten und unterstützen wollten. In dieser Zeit gab es eine starke Vernetzung zwischen Gruppen, Organisationen, Parteien und Einzelpersonen im Kampf gegen die Atompolitik.

Von Belarus wissen wir, dass es die Anti-Atom-Kampagne als Bündnis verschiedener Gruppen und Individuen sowie verschiedene Einzelinitiativen und atomkritische Personen, Expert*innen und auch Politiker*innen gibt. Die Repression gegen Oppositionelle macht eine offene Organisierung jedoch schwer, und auch Aktionen oder andere Formen gesellschaftlichen Engagements sind eingeschränkter. Verschiedene auch atomkraftkritische, staatlich anerkannte, NGOs setzen auf eine Strategie der Aufklärung und Bewerbung von alternativen Energien, statt aktiv gegen die Regierungspolitik zu intervenieren.

Von Lettland sind insbesondere Aktionen der Grünen Partei gegen Atomenergie bekannt. Darüber hinaus gab es Kampagnen von Bürgerinitiativen, z.B. gegen ein Atommülllager, und natürlich auch engagierte Einzelpersonen, die außerhalb von Organisationen aktiv sind. Da Lettland offiziell keine aktive Atompolitik verfolgt, gibt es nicht so viele Auslöser für Anti-Atom-Engagement wie andernorts. Aber genau genommen betreibt die lettische Regierung einen Atomkurs, denn sie ist in das litauische AKW-Projekt involviert.

Nach Estland fehlen uns derzeit Kontakte und detailliertes Hintergrundwissen; gleiches betrifft die Situation der Bewegung in Norwegen. Auch in Bezug auf die Anti-Atom-Bewegungen im russischen Kaliningrad und St. Petersburg sind Einschätzungen von hier aus schwer. Gegen das Ostsee-AKW in Kaliningrad gibt es sowohl eine lokale Initiative, die von einem Lokalpolitiker vorangetrieben wurde, als auch Engagement von überregionalen Umweltorganisationen des Landes. In der Gegend von St. Petersburg sind mehrere lokale Gruppen, ansässige Expert*innen und überregionale Umweltgruppen aktiv, die sich gegen Atomtransporte, den Neubau des Leningrad-2-AKW sowie andere Atomanlagen richten.


Åland im Schatten der Atomenergie

Die Åland-Inseln liegen im Bottnischen Meerbusen zwischen Schweden und Finnland und sind eine autonome finnische Provinz. Die Inseln setzen sich aus der Hauptinsel Fasta Åland und einem Archipel aus mehr als 6500 Schären und Inseln zusammen. Auf Åland gibt es keine Atomanlagen, die Provinzpolitik hat sogar einen atomkraftkritischen Tenor. Anwohner*innen und Aktivist*innen kämpfen energisch gegen schwedische und finnische Pläne für Endlager an der Ostseeküste.

Allen Protesten zu trotz wird Åland durch die Atomindustrie beeinträchtigt: Die Region befindet sich im 100-Kilometer-Umfeld von 5 Atomankraftwerken in Betrieb, zwei aktiven Lagern für niedrig- und mittelradioaktiven Atommüll, zwei geplanten Endlagern für hochradioaktive Abfälle, einem Reaktor in Bau sowie geplanten zwei weiteren Reaktorblöcken.


Atomkraftwerke rund um die Ostsee

AKW Pyhäjoki

Ursprünglich vom deutschen Atomkonzern EON gegründet, ist Fennovoima ("Energie Skandinaviens") Gemeinschaftsunternehmen von mehr als 50 finnischen Firmen. In Pyhäjoki im Norden Finnlands will Fennovoima gegen den Widerstand eines großen Teils der lokalen Bevölkerung das AKW "Hanhikivi" errichten lassen - benannt nach dem Riesen-Findling an dessen Stelle der Reaktor bzw. die Reaktoren treten sollen. Um "Hanhikivi" (Gänsefelsen) dreht sich auch ein Großteil der Proteste - der Felsen ist ein Landmal mit historischer Bedeutung, und rund herum befinden sich besonders geschützte Habitate.

Nachdem EON und diverse kleine Anteilsinhaber von Fennovoima das Projekt verlassen hatten, stand der AKW-Neubau vor dem Aus. Doch im Sommer 2013 wurde Verhandlungen zwischen Fennovoima und dem russischen Rosatom-Konzern bekannt.

Kein AKW in Simo

Auch Simo, ein Ort nördlich von Oulu, hatte Fennovoima im Auge für seine AKW-Bau-Pläne. Ebenso wie in Pyhäjoki gab es auch hier Proteste aus der Bevölkerung, insbesondere auch von Fischern, die die Laichgründe des Lachs durch das Projekt gefährdet sahen. Etwas überraschend gab Fennovoima im Oktober 2011 seine Entscheidung gegen Simo und für Pyhäjoki als Standort bekannt - obwohl der Bürgermeister Simos ein verbohrter Verfechter des AKW gewesen war.

AKW Olkiluoto

Das AKW Olkiluoto des Betreibers TVO ist weltweit als Symbol der angeblichen "Renaissance der Atomkraft" bekannt geworden. Hier wurde der erste EPR-Prototyp der Konzerne Areva und Siemens in Bau genommen (Siemens ist inzwischen aus der Atomkooperation mit Areva ausgestiegen). Seitdem haben sich mehrere Jahre Verspätung, um Milliarden erhöhte Baukosten und mehr als Tausend bereits registrierte Baumängel angehäuft und machen den Reaktor Olkiluoto-3 zum Symbol der Unfähigkeit der Atomindustrie.

AKW Loviisa

Loviisa an der Südküste Finnlands ist der Standort der ältesten Reaktoren des Landes. Betreiber ist das Unternehmen Fortum. Ähnlich wie TVO in Olkiluoto will auch Fortum einen neuen Reaktor bauen und hat sich dies bereits politisch durch das finnische Parlament in einer "decision in principle" absegnen lassen.

AKW in Ruotsinpyhtää gescheitert

Ruotsinpyhtää war der letzte der drei in der Endauswahl von Fennovoima stehende Standort. Dieser nahe dem schon bestehenden AKW Loviisa liegende Platz musste von dem Atomunternehmen wegen starker öffentlicher Proteste gegen das dreiste Auftreten von EON aufgegeben werden. Stattdessen zog es Fennovoima in den dünner besiedelten Norden, wo weniger Widerstand erwartet wurde.

FiR 1 Forschungsreaktor

In der Universität in Otaniemi/Espoo befindet sich Finnlands ältester Atomreaktor, wenn auch nur zur Forschung.

AKW Leningrad

In Sosnovy Bor bei St. Petersburg, Russland, befindet sich das AKW Leningrad 1. Derzeit wird an einem zweiten AKW Leningrad 2 mit sechs Reaktoren gebaut. Kritiker*innen wird es in Russland schwer gemacht, sich in die Genehmigungsverfahren einzubringen - trotz "Öffentlichkeitsbeteiligung".

PIK Forschungsreaktor

Am Petersburg Institute of Nuclear Science in Gatchina, Russland befindet sich außerdem ein Forschungsreaktor.

Salaspils Forschungsreaktor

In Lettland gab es in den 1960ern und 1970ern zwar auch Ideen für ein kommerzielles Atomkraftwerk (AKW Pavilostas), letztlich kam es aber nur zum Bau eines Forschungsreaktors in Salaspils, 25 km entfernt von der Hauptstadt Riga. 1998 wurde er geschlossen; die Brennelemente wurden 2008 nach Mayak, Russland, gebracht. Der verbleibende Atommüll wird auf 1200 m³ geschätzt.

AKW Ostrovets

Das am härtesten vom Tschernobyl-Super-GAU betroffene Land, Belarus, will ein eigenes AKW. Nachdem die Regierung unter Lukaschenko lange Zeit auf das Leid aus dem Atomunfall und die hohen Kosten zur Schadensbegrenzung aufmerksam gemacht hatte, begann der Diktator im neuen Jahrtausend eine neue Politik des angeblich bewältigten Atomdesasters zu propagieren - einschließlich der stückweisen Freigabe kontaminierter Flächen für Landwirtschaft und Besiedlung, sowie der Idee eines AKW-Großprojekts mit zwei Reaktorblöcken. Dazu wurden Verträge mit Russland geschlossen.

Ostrovets befindet sich im Norden des Landes, nicht sehr weit entfernt von der Grenze zu Litauen. Auch in Belarus gibt es Kritik an dem Vorhaben, aber Protest ist kaum legal möglich. Jegliche politische Aktivität müsste zuvor beantragt werden - und wird in der Regel nicht genehmigt.

AKW Ignalina

Als Bestandteil der Aufnahme Litauens in die EU wurde Ende 2009 das alte AKW Ignalina geschlossen. An diesem Standort waren zwei RBMK-Reaktoren in Betrieb - daselbe Design we in Tschernobyl. Zeitweise produzierte das Atomkraftwerk 70-80% der Elektrizität Litauens. 1992 wurde eine Brennstoffkassette aus Ignalina gestohlen. 1994 wurde das Kraftwerk in Folge eines gedrohten Terroranschlags für einige Tage geschlossen. Der erste Reaktor wurde bereits 2004 stillgelegt, der zweite 2009.

AKW Visaginas

Nach der Stillegung des AKW Ignalina will die litauische Regierung mit Visaginas ein neues Atomkraftwerk bauen. Mit Stand Juli 2013 waren drei regionale Partner in das Projekt involviert: die Regierungen Litauens, Lettlands und Estlands. Ende 2012 stimmten die Bürger*innen Litauens in einem Referendum gegen den Bau des AKW. Die Regierung versucht diese Entscheidung zu ignorieren und setzte die Verhandlungen mit Bietern fort.

Ostsee-AKW

Das sogenannte "Ostsee-AKW" soll in Kaliningrad, Russland gebaut werden. Nachdem russische, deutsche und andere Umweltorganisationen insbesondere Ende 2012/Anfang 2013 Kampagnen gegen diese Neubaupläne gestartet hatten, scheint das Projekt nun auf Eis - zumindest wurden die Bauarbeiten einiger beteiligter Firmen eingestellt und es ist die Rede davon, dass in Moskau geprüft werde, ob vielleicht ein kleinerer Reaktor als bisher geplant in Frage kommen könnte.

Wie die meisten anderen disktutierten AKW-Neubauprojekte sollte hier vor allem Elektrizität für den Export in die EU produziert werden. Abgesehen, dass es von Anfang an unrealistisch war, dass Strom in diesem Umfang Absatz fände, waren die unterschiedlichen Stromnetze im ehemaligen Ostblock und den älteren EU-Mitgliedern eine Herausforderung für das Ostsee-AKW.

AKW Jezioro Zarnowieckie

Bereits 1982 gab es in Polen einen Anlauf in Jezioro Zarnowieckie ein AKW zu bauen. Doch 1990 wurden die Bauarbeiten als Folge von Protesten in Verbindung mit dem Super-GAU in Tschernobyl eingestellt. 2009 veranlasste die polnische Regierung die Gründung der Firma PGE Energia Jadrowa S.A., um das polnische Atomprojekt zu entwickeln und damit die alte Idee wieder aufzunehmen.

Polnische Forschungsreaktoren

Hinter den kryptischen Namen AGATA, ANNA, EWA, MARIA und MARYLA verstecken sich die in Swierk und Krakow gelegenen polnischen Forschungsreaktoren. Die meisten davon wurden bereits stillgelegt.

AKW Greifswald

Das größte Atomkraftwerk der DDR befand sich in Lubmin bei Greifswald. Es wurde Anfang der 1990er zusammen mit allen anderen DDR-AKW stillgelegt.

SUR Unterrichtsreaktor

In Kiel befindet sich der stillgelegte Siemens-Unterrichtsreaktor SUR. Er ging 1966 in Betrieb. 2008 wurde die Stilllegung abgeschlossen; der Betrieb war bereits 1991 eingestellt worden. Er wurde mit hochangereichertem U-235 betrieben.

Das wars noch nicht!

Diese Randspalte ist nicht lang genug, um alle Atomreaktoren im Ostseeraum aufzuführen. Angefangen in Finnland haben wir uns im Uhrzeigersinn um das Meer bewegt - es fehlen nun noch neun Forschungs- und kommerzielle Reaktoren in Dänemark und Schweden.

Es fehlen auch die Atommülllager, Uranabbaue und sonstige Anlagen der Atomindustrie. Insgesamt gibt es hier weit mehr als 60 Atomanlagen.


Atommülllager rund um die Ostsee

Die bekanntesten und umstrittensten Atommülllager im Ostseeraum sind Onkalo in Finnland und das geplante Endlager für hochradioaktive Abfälle am AKW Forsmark. Beiden liegt das selbe Modell und Design zugrunde, wobei der Hauptteil der Forschungen in Schweden geschah und auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung damit geschieht im wesentlichen im westlichen Teil der Ostsee. Die sogenannte KBS-3-Methode soll Langzeitsicherheit über einen Zeitraum von mindestens 100.000 Jahren gewähren. Es basiert auf Kupferbehältern für die Langzeitlagerung des Atommülls und den Einsatz von Bentonit zum Einschluss des Lagers. Das Konzept wurde in den letzten Jahren ernsthaft in Frage gestellt, und in Schweden scheint es möglich, dass das Endlager daran scheitern wird. Die finnische Atomindustrie hat das Modell im wesentlichen übernommen und an einigen Punkten vereinfacht (und damit fragiler gemacht). Eigene Forschungen zur Endlagerung gab es in Finnland kaum. Trotzdem soll das Konzept in Onkalo umgesetzt werden, während es im Ursprungsland in Frage gestellt wird.

Weitere Atommülllager gibt es für die Endlagerung niedrig- und mittelradioaktiver Abfälle an den Standorten der AKW Olkiluoto, Loviisa, Oskarshamn und Forsmark. In Sillamäe in Estland, Radons in Lettland, in Litauen, Polen, am AKW Oskarshamn in Schweden und in Lubmin/Greifswald in der BRD sind Zwischenlager für Atommüll in Betrieb. Untertagelabore für Experimente zur Endlagerung radioaktiver Stoffe gibt es außerdem an zwei Standorten nahe dem bereits bekannten schwedischen AKW Oskarshamn.


Uranindustrie

Zwei Wellen von Uranabbau-Phasen gab es in der Vergangenheit in Skandinavien; eine dritte startete in den letzten zehn Jahren. Durch den zeitweise gestiegenen Uranpreis wurden unrentable Lagerstätten wieder attraktiv und führten zu erhöhten Aktivitäten von Atom- und Bergbaukonzernen zur Exploration und Ausbeutung von Uranlagern. Inzwischen ist der Uranpreis wieder gesunken und auch die Wirtschaftskrise scheint sich auf die Industrie insofern ausgewirkt zu haben, als diese gerade wieder einen Gang runter geschaltet zu haben scheint. Trotzdem werden die bereits gestarteten neuen Uranprojekte weiter voran getrieben.

Beispiele für Uranvorhaben sind Ranua, Talvivaara, Tervola, Sokli und Ylitornio in Finnland, Häggån in Schweden; Beispiele für Uranextraktions-Anlagen sind Vinterviken/Liljeholmen und Kvarntorp in Schweden. Ein Vorhaben in Nianfors (Schweden) wurde durch Proteste erfolgreich verhindert.


Weitere Atomanlagen

Eine der wichtigsten Industrieanlagen der Atomwirtschaft ist der Studsvik-Komplex in Schweden. Dort werden insbesondere niedrig- und mittelradioaktive Abfälle verarbeitet. Studsvik liegt an der Ostküste Schwedens, nahe der Stadt Nyköping, südlich von Stockholm. Der Atommüll wird zur Behandlung von Kontinentaleuropa zum Studsvik-Hafen und zurück transportiert. Die Verarbeitung umfasst das Einschmelzen von Metallkomponenten zur Weiterverwendung und die Verbrennung trockener radioaktiver Materialien. Eigentümer der Anlage ist das Privatunternehmen Studsvik AB, das neben der Atommüllbehandlung ein breites Angebot von Dienstleistungen für die Atomindustrie bereitstellt - hauptsächlich im Zusammenhang mit Rückbau, Verwaltung, Technik und Software.

Studsvik ist auch Standort zweier bereits stillgelegter Forschungsreaktoren, deren Rückbau bevorsteht, und dreier weiterer, die bereits komplett auseinander genommen wurden. Der Komplex wurde in den 1950ern durch das teilstaatliche Unternehmen AB Atomenergi gegründet. AB Atomenergi gab es seit 1947 und hatte den Auftrag, die schwedische Atomtechnologie im zivilen und militärischen Bereich sowie den Uranabbau zu entwickeln. In den 1960er/1970er Jahren waren die meisten der ursprünglichen Anliegen von AB Atomergi veraltet oder von anderen Körperschaften übernommen worden. So wurde ein Prozess der Reorganisation und Privatisierung gestartet. In den 1990ern übertrug der Staat seine letzten Anteile an Studsvik AB an Vattenfall. Der Energiekonzern wiederum transferierte sie an private Investment-Unternehmen, und die Firma begann sich auch international auszubauen. Heute hat Studsvik AB Angestellte in sieben Ländern einschließlich BRD, Großbritannien, Schweden und USA. Das Hauptquartier seines kontinentaleuropäischen Zweiges ist in Pforzheim zu finden.

In Swierk in Polen gibt es eine weitere Atommüll-Anlage, in der radioaktive Stoffe zum Weitertransport oder zur Lagerung konditioniert werden. Es befindet sich hier auch ein Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle und zwei Nasslager für die abgebrannten Brennelemente der Forschungsreaktoren MARIA und EVA.

Eine weitere Anlage zur Atommüllbehandlung befindet sich in Soznovyj Bor nahe St. Petersburg. Auch dort werden radioaktive Stoffe verbrannt. Soznovyj Bor ist auch Standort des AKW Leningrad, wo ein Äquivalent von 5000 Tonnen Uran in abgebrannten Brennelementen gelagert wird. Es gibt hier auch ein regionales Zentrum für die Behandlung von Atommüll mit 60.000 m³ an radioaktiven Abfällen.

In Dänemark gibt es außerdem die Roskilde Experimental Site; eine Brennelemente-Fabrik befindet sich im schwedischen Västerås. Weitere Fabriken verarbeiten Uranerz - z.B. OMG Kokkola Chemicals Oy und Harjavalta in Finnland sowie die Uranerzanlage in Ranstad, Schweden. In Lubmin/BRD gibt es noch die ZAW; im Zusammenhang mit der Atomindustrie steht auch die Stahlfabrik Outokumpu Tornio Works.

Damit endet dieser vorläufige Überblick zur Atomkraft im Ostseeraum. Weitere und aktualisierte Informationen gibt es auf der Projekt-Internetseite (siehe Seite 39).


  1. Zum Schutz vor automatischen Mailadressen-Robots, die nach Adressen suchen und diese dann mit Spam-Mails überfluten, ist diese Mailadresse für diese Robots unleserlich formatiert. Um eine korrekte Mailadresse zu erhalten muss ÄTT durch das @-Symbol ersetzt werden.