2015-01:Ein paar kritische Anmerkungen zu Verschwörungstheorien

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Ein paar kritische Anmerkungen zu Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien[1]. erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Das zeigt beispielsweise der ernorme Umsatz den der rechtslastige Kopp-Verlag zu verbuchen hat, in dem Leute wie Eva Hermann, Udo Ulfkotte und Gerhard Wisnewski publizieren[2].

Viele Verschwörungstheorien gehen davon aus, dass die Welt unter der Kontrolle einer kleinen exklusiven Machtelite steht, die im Hintergrund perfide sämtliche Strippen zieht. Dieser kleinen Machtelite wird quasi Omnipotenz unterstellt, mit der sie die Geschichte lenkt und bewusstes Subjekt der menschlichen Geschichte ist.

In vielen Verschwörungstheorien findet man eine beliebte Argumentationsform: zu fragen, wem was nützt. Baut beispielsweise die USA ihre Militärpräsenz nach dem 11.9.2001 aus und zieht sie daher (vermeintlich) viel Nutzen aus dem Terroranschlag, so interpretieren Verschwörungstheoretiker, dass die(vermeintlichen) Nutznießer eines Ereignisses gleichsam die Verursacher desselben gewesen sind.

Berühmtestes und folgenreichstes Beispiel für eine Verschwörungstheorie ist das Wahngebilde einer „jüdischen Weltverschwörung“, wie sie in den „Protokollen der Weisen von Zion“ niedergeschrieben wurde. Als Machwerk des zaristischen Geheimdienstes schon in den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts als Fälschung entlarvt, erfreut sich dieses antisemitische Pamphlet in einigen Weltregionen ungebrochener Beliebtheit[3]. Im Zusammenhang mit Israel wird auch von einer „zionistischen Weltverschwörung“ gesprochen, gemeint ist aber das Gleiche.

Die Hamas beispielsweise berufen sich in ihrer „Charta“ auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ und werfen den Juden bzw. den Zionisten vor verantwortlich zu sein für so ziemlich alles: für den Kapitalismus, für den Kommunismus, für die französische Revolution, für den Ersten Weltkrieg, für den Zweiten Weltkrieg und für alles Elend in der arabischen Welt[4].

Verschwörungstheorien erklären also Krieg, Elend und die unbehagliche Dynamik der Moderne aus den Machenschaften einzelner Verschworener. Das Volk hat natürlich nichts damit zu tun und wenn doch, dann ist das Volk bloß verblendet und handelt quasi „ferngesteuert“ ohne ideologischen Eigenanteil. Aus ideologiekritischer Sicht ist so eine Sicht nicht haltbar, bedenkt man mit welcher Begeisterung die Massen in den Ersten Weltkrieg zogen und wie breit die Zustimmung der Deutschen zu den Nazis und ihrer Ideologie war.

Verschwörungstheorien behaupten, dass Geschichte sich nach einem bewusst erstellten Plan der Verschworenen abspielt. Nicht reflektiert wird, dass Geschichte sich durchaus unbewußt vollzieht, dass Menschen handeln und Ereignisketten in Gang setzen, deren Konsequenzen sie nicht immer vorhersehen können und sie auch nicht immer intendieren und das unter Verhältnissen die nicht selbstbestimmt sind.

Die Verwertungszwänge des Kapitalismus werden daher auch vollständig ausgeblendet, von denen verschwörungstheoretische Wirrköpfe natürlich keinen Schimmer haben. Das trifft erwiesenermaßen auch auf die Occupy-Bewegung zu, die mit ihrem Konstrukt der 99% vs. 1% den Kapitalismus nach dem Muster von Verschwörungstheorien zu erklären versucht. Nicht die Produktionsweise, die Klassenverhältnisse, die Arbeit und der Warenfetisch sind im Focus der Kritik, sondern die Banken, die angeblich für die Krise verantwortlich sind und nicht etwa die Krise der Arbeitsgesellschaft und die Entwicklung der Produktivkräfte (die Bankenspekulationen haben in Wirklichkeit die Krise der „Realwirtschaft“ hinausgeschoben)[5]. Occupy vollbringt eher 99% falsche Analysen, als eine notwendige Kritik des Kapitalismus. Etwas anders verhält es sich in den USA (genauer in Oakland), da dort sich die Kritik nicht auf Bankenschelte beschränkte [6].

Allerdings muss man auf der anderen Seite feststellen, dass es durchaus Interessen gibt, imperiale Interessen des Westens beispielsweise und dass diese auch über „nichtoffizielle Dienstwege“ organisiert werden. Man denke z. B an inoffizielle NATO-Untergrundarmeen wie GLADIO und die schon zweifellos belegten Putsche der USA in Lateinamerika und das Hochrüsten der Taliban gegen die Sowjetunion. Zu leugnen, dass es Interessen überhaupt und Dienstwege „hinter“ den offiziellen demokratischen Institutionen gibt, heißt nichts anderes als sich einzureden, wir würden in einer heilen Welt leben (was nicht heißen soll, dass die offiziellen demokratischen Institutionen ihrerseits zu keiner Schweinerei fähig sind)[7].

Das festzustellen wird auch gern als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet, ebenso die Behauptung der jüngste Putsch in der Ukraine wäre von westlichen Geheimdiensten unterstützt worden oder dass der Westen selbst imperiale Interessen verfolgt und nicht etwa „Menschenrechte“. Der Punkt ist, darauf zu achten wie und auf welche Weise Verschwörungstheorien unterstellt werden.

Verschwörungstheoretisch wäre es allerdings zu meinen, alles würde im Voraus von der CIA usw. geplant und alles stünde unter ihrer Kontrolle. Man würde damit die Macht der CIA usw. überschätzen und die (durchaus nichtintentionale) Eigendynamik des Ganzen und den aktiven Eigenanteil der Akteure ausblenden. Die Umbrüche in der arabischen Welt beispielsweise deuten stark auf die Bedeutung nichtintentionaler Eigendynamik des Geschehens. Wären z.B. die Rebellen in Libyen „US-gesteuert“ mit dem Ziel eines "Regime-Change", so hätten sie nach dem Sturz von Gaddafi zur Ruhe kommen müssen. Aber stattdessen bekam man einen Bürgerkrieg und einen weiteren „failed state“[8]. Es ist unplausibel, ein Flächenbrand läge im Interesse der USA der angeblich allmächtigen USA, die das obendrein alles im Voraus geplant hätte.

Überboten wird vorheriges Beispiel durch die Behauptung, dass der IS unter der Kontrolle der USA sei[9]. Auch wenn ihre Politik zu dessen Entstehung beigetragen haben mag, wird auch hier deutlich, dass die USA für alles Übel in der Welt verantwortlich gemacht wird. Die Anderen sind immer nur die willigen Handlanger. Daher ist es im „antiimperialistischen Weltbild“ auch nicht verwunderlich, dass oft all das affirmiert oder verharmlost wird, was irgendwie gegen die USA ist, sei es Saddam Hussein oder das antisemitische Regime im Iran – denn wer sich einbildet die USA sei schlechthin böse – so sind wohl diejenigen die gegen das „Böse“ ankämpfen –die „Guten“. In diesen Fällen sind solche Verschwörungstheorien Bestandteil des Antiamerikanismus und zu bekämpfen. Überhaupt ist eine naive Scheidung in "Gut" und "Böse" in vielen Verschwörungstheorien, wie auch im Antiamerikanismus, zu finden, wobei die "Bösen" immer die Anderen sind.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Verschwörungstheorien die Komplexität moderner Gesellschaft und das Unbehagen in der Moderne auf die geheimen Machenschaften einzelner Cliquen zurückführen. Es sind regressive Welterklärungsversuche, die mit Gesellschaftskritik nichts zu tun haben. Die grundsätzliche Nähe zum Antisemitismus ist kein Zufall[10].


Leider muss man feststellen, dass die Linke von verschwörungstheoretischem Denken nicht frei ist (man denke nur an die Diskurse um den 11.9.2001), was einfach daran liegt, dass in der Linken verkürzte oder regressive Kapitalismuskritik wie Antiamerikanismus verbreitet ist[11]. Dem ist mit einer kompromisslosen Ideologiekritik entgegen zu treten[12]!

Sebastian


  1. Statt Verschwörungstheorien kann man hier auch die Begriffe Verschwörungsideologien oder Verschwörungsmythen verwenden.
  2. Vortrag von Martin Wassermann: Aliens, Erdbebenwaffen und Verschwörungen – Hintergründe zum Kopp-Verlag aus Rottenburg am Neckar, http://www.freie-radios.net/54802.
  3. Carmen Matussek: Der Glaube an eine „jüdische Weltverschwörung“ –Die Rezeption der „Protokolle der Weisen von Zion“ in der arabischen Welt, Lit Verlag 2012.
  4. Siehe z.B. http://www.matthiaskuentzel.de/contents/sprache-der-vernichtung. Zum antisemitischen Hass gegen Israel siehe z. B. Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß – Über den neuen antijüdischen Krieg, ca ira Verlag 2003, Robert Wistrich: Der antisemitische Wahn – Von Hitler bis zum heiligen Krieg gegen Israel, Max Hueber Verlag 1987, Ders. Muslim Antisemitism – A clear and present danger, American Jewish Committee 2002, als PDF erhältlich unter http://www.ajc.org; deutsche Ausgabe Edition Critic 2011.
  5. Siehe das Pamphlet: Manifest gegen die Arbeit, http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=buecher&index=0&posnr=1.
  6. Siehe Occupy-Vortrag von Martin Wassermann auf http://www.soundcloud.com/reflexion-blog und Jutta Ditfurth: Zeit des Zorns –Warum wir uns vom Kapitalismus befreien müssen, Westend 2012, S. 192 ff.
  7. Tatsächlich ist es so, dass die wichtigen Entscheidungen längst nicht mehr von Parlamenten bestimmt werden (TTIP, ACTA, GATS usw.). Die demokratischen Institutionen sind längst (mehr oder weniger) Fassade, man spricht in dem Zusammenhang nicht zufällig von „Postdemokratie“ (Colin Crouch).
  8. Siehe Gerd Bedszent: Zusammenbruch der Peripherie –Gescheiterte Staaten als Tummelplatz von Drogenbaronen, Warlords und Weltordnungskriegern, Horlemann-Verlag 2014.
  9. Das meint beispielsweise die antiimperialistische Politsekte: „Bunde gegen Anpassung“ aus Freiburg.
  10. Das liegt einfach an der strukturell verwandten Argumentationslogik, man spricht in diesem Zusammenhang auch von strukturellem Antisemitismus.
  11. Martin Wassermann: Agenten, Eliten und Paranoia: Das Verschwörungsdenken in der deutschen Linken, siehe: http://www.rosalux.de/publication/38811/maulwurfsarbeit-ii.html.
  12. Kompromisslos deswegen, weil es hier um einen "Kampf um die Wahrheit" geht und nicht etwa um "Bündnispolitik". Siehe dazu das Fragment von Robert Kurz: Kampf um die Wahrheit in Exit Nr. 12, Horlemann Verlag 2014.