2016-01:Flüchtlingsunterstützung auf Lesvos/Griechenland

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Flüchtlingsunterstützung auf Lesvos/Griechenland

Reka Ein Erfahrungsbericht

Februar 2016: Ich bin an der Küste im Norden von Lesvos mit Blick zum Meer und überschaue die Meerenge zwischen Griechenland und der Türkei. Es beginnt gerade ein weiterer Tag, an dem ich versuchen werde, in einem NGO-Projekt von Greenpeace und Ärzte ohne Grenzen mithilfe weiterer Freiwilliger Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

Wir versuchen von einem Aussichtspunkt aus Flüchtlingsboote mit Hilfe von Teleskopen und Ferngläsern zu entdecken und melden dann ihren Standort, Bootstyp und die aktuelle Situation an unsere Rettungsboote weiter, welche Übersetzer*innen und Ärzt*innen an Bord haben und sich sofort auf den Weg machen, um das Boot zu retten.

Die Rettungsboote werden versuchen das Flüchtlingsboot zu stabilisieren und sicher an Land zu bringen, wo sie von Helfer*innen mit Kleidung, Decken und Essen empfangen werden. Durch die Ärzt*innen an Bord kann sofort 1. Hilfe geleistet werden, wenn notwendig. Außerdem organisieren wir weitere medizinische Versorgung an den Landungsstrand, sobald dieser feststeht. Es ist gut, endlich hier zu sein und handeln zu können, statt die traurigen Bilder der vor Krieg flüchtenden Menschen nur hilflos in den Nachrichten ansehen zu müssen und nicht helfen zu können.

Diese lebensgefährliche Odysee über viele tausende Kilometer nehmen ganze Familien vom Baby bis zum Opa auf sich, weil sie dem Krieg entfliehen müssen, was z.B. in Syrien oder Afghanistan den fast sicheren Tod bedeuten würde. Ihre einzige Chance ist die Flucht, aber hier auf Lesvos frage ich mich: Wie verzweifelt muss eine Mutter sein, die nicht nur ihr eigenes Leben auf's Spiel setzt, um diese gefährliche Seeüberfahrt zu machen, bei der jedes Jahr Tausende sterben, sondern auch das Leben ihres eigenen Kindes? Wenn Menschen es schaffen, selbst in der größten Not so mutig zu sein und nicht aufzugeben, was haben wir super-privilegierte Weiße das Recht, nach Jahren des politischen Kampfes gegen den Kapitalismus ans Aufgeben auch nur zu denken?

Die Rolle, die wir als Helfer*innen hier übernehmen, ist nicht leicht, denn die Menschen kommen mit großer Hoffnung und sind so dankbar, wenn wir sie aus dem Wasser holen und versorgen. Manche weinen, manche beten, manche singen, manche lachen nach der Ankunft, aber ich schaffe es nicht immer, zurückzulächeln, weil ich die Bilder brennender Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland im Kopf habe.

Heute begann meine Schicht auf dem Aussichtspunkt um 11 Uhr, aber bevor wir starteten, wurde das medizinische Team nach Petra, einem Nachbarhafen gerufen, weil es einen Notruf wegen eines Kindes gab.

Später frage ich mich, was wohl aus dem Kind geworden ist und höre, dass 'auch' eine Frau starb... Auch? Was bedeutet 'auch'? Sie starben an Unterkühlung. Wie viele Tausend andere, weil die Boote überfüllt sind, weil sie nicht schwimmen können, weil sie Angst haben vor dem Meer, weil die Schwimmwesten nicht funktionieren, weil Krieg und Kapitalismus und das europäische Grenzregime sie dazu zwingen, ihr zuhause zu verlassen, um diese lebensgefährliche Reise zu machen...

Auch erschreckende Menschenrechtsverletzungen (neben dem täglichen Wahnsinn der europäischen Grenzpolitik) mussten wir leider beobachten. Beispielsweise haben Boote der türkischen Küstenwache oft Flüchtlingsboote sinnlos in Gefahr gebracht, indem sie mittels Seilen, die sie in den Propeller des Motors geworfen haben, diesen zerstörten, sodass das Boot im schlimmsten Fall stundenlang führerlos durch die Gegend trieb. Ebenfalls von der türkische Küstenwache wurden Flüchtlingsboote etwa 20 Minuten lang mit Wasser aus Schläuchen bespritzt, was gerade in den Wintermonaten gefährlich ist, da die Menschen, wenn sie erst einmal nass sind, schnell unterkühlen und die Fahrt ja mindestens zwei Stunden dauert. Gerade viele Kinder sterben im Winter an Unterkühlung, da sie meist in der Mitte des Bootes sitzen müssen und dort schneller nass werden, bzw. im Boot ertrinken, wenn es in schlechtem Zustand oder überfüllt ist und daher viel Wasser reinlässt. In diesen Momenten bleibt nichts anderes übrig, als die Vorfälle zu dokumentieren, zu veröffentlichen und dem medizinischen Team an Land schon mal Bescheid zu geben...

Manchmal werden die Boote dann weiter in griechische Gewässer gelassen, wo sie von unseren Booten erwartet werden oder die Geflüchteten werden auf das Boot der türkischen Küstenwache geholt und wieder zurück in die Türkei gebracht.

Das schönste Gefühl ist es, wenn abends die Schicht vorbei ist und keiner gestorben ist. Wenn du denkst: „Puh, heute haben es alle lebend rüber geschafft.“.

Kein Tag ist wie der andere, jede Schicht ist anders und eine neue Herausforderung. Schon am ersten Tag lernte ich: „Always expect the unexpected! - Erwarte immer das Unerwartete!“

Dies ist auch mein erstes Projekt mit NGOs, da ich normalerweise in Graswurzelzusammenhängen aktiv bin und sich zufällig die Gelegenheit hier ergeben hat. Es ist wirklich krass, wie das kapitalistische System selbst aus dieser Notsituation und diesen helfenden Strukturen Profit schlägt, denn es scheint, als wäre hier in den letzten Monaten eine Helfer-Industrie entstanden. Am Ende des Monats auf Lesvos stehe ich am Hafen und warte mit Hunderten Geflüchteten auf die Fähre, da kommt so ein Reporter zu mir und fragt mich, wie es sich anfühlt, hier zu stehen mit all den Geflüchteten. Ich antworte: „Ist einfach nur Schlange stehen. Warum sollte sich das hier anders anfühlen als woanders?“ Ich kann das Wort „refugee“ nicht mehr hören, weil es hier irgendwie inzwischen eine unsichtbare Linie zieht, die ich nicht verstehe, denn wir sind doch alle Menschen. Hier in der Helferindustrie werden sie aber zu Konsument*innen für die NGO-Industrie.

Aktuelle Entwicklungen

Ab Mitte März tritt das Flüchtlings-(Aschiebe)Abkommen der EU mit der Türkei in Kraft, woraufhin die Flüchtlingslager noch mehr in Abschiebeknäste umgewandelt werden, ohne ausreichende medizinische oder sanitäre Versorgung der Menschen. Des Weiteren beginnen nun die Abschiebungen hunderter Menschen direkt von Lesvos mit Booten zurück in die Türkei, obwohl relativ klar ist, dass dort Menschenrechte noch weniger zählen und die Gefahr groß ist, zurück ins Kriegsgebiet abgeschoben zu werden.

Nachdem die Zustände in Moria (Abschiebeknast auf Lesvos) durch den EU-Türkei-Deal immer schlimmer werden, verlassen „Ärzte ohne Grenzen“ Mitte April den Abschiebeknast und stellen ihre Hilfe ein, da sie sich nicht vom EU-Grenzregime als Werkzeug für ihre menschenverachtende Flüchtlingspolitik benutzen lassen wollen.

Am 26. April besuchten der griechische und der niederländische Einwanderungsminister das Abschiebegefängnis in Moria/Lesvos. Dabei kam es zu Ausschreitungen, nachdem die Minister von unbegleiteten jungen Geflüchteten gefragt wurden, ob Europa jemals die Grenzen für sie öffnen werde und der niederländische Minister mit einem harten „Nein.“ antwortete. Daraufhin wurde er von natürlich wütenden Teenagern mit Wasser bespritzt, was die griechischen Robo-Cops zum Anlass nahmen, sie zu verprügeln.

Dieser Zwischenfall provozierte weitere Ausschreitungen mit Steinwürfen und Bränden, die von weiteren Polizeieinheiten mit Tränengas beantwortet wurden. Es gab mindestens 20 verwundete Geflüchtete.

Die Zustände sind weiterhin schrecklich im Abschiebegefängnis mit 3500 Menschen auf engstem Raum, wo die meisten draußen auf dem Boden schlafen müssen; ohne Decke, ohne medizinische Versorgung für Kranke, Kinder und Schwangere. Die einzige Information, die sie über ihren aktuellen Status oder ihr mögliches Schicksal haben, ist, dass der Staat gerade ihre Abschiebung in die Türkei vorbereitet.

3. Mai: Die Polizei hat begonnen, den Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak Papiere zu geben, die ihnen erlauben, sich frei auf der Insel zu bewegen. Aber diese Papiere ermöglichen ihnen dennoch nicht, die Insel zu verlassen, d.h. das Abschiebegefängnis wurde einfach nur vergrößert.