2016-02:Taktgeber der Rechten

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Vaterlandsliebe und Holocaust als Praxis aus Luthers Lehren

Inhaltsverzeichnis

Taktgeber der Rechten

jb Der Hass auf Juden und die Förderung des deutschen Nationalgefühls im Kampf um Souveränität (gegen Rom) oder Bedrohung von außen (Türken) bot von Beginn an Anknüpfungspunkt für das, was viele Hundert Jahre später im deutschen Faschismus seinen schrecklichen Höhepunkt fand.

Luther-Deutschland

Die Nazis selbst sind Kronzeugen von Luthers deutschnationaler Einstellung. Schauen wir einmal eine typische rechte Übernahme von Luther als Vordenker an (aus Gustav Sichelschmidt, 1994: „Die Herrschaft der Internationalisten“ (S. 35ff): „Der Wittenberger Theologe schuf, von seinem ehrlichen deutschen Gewissen gedrängt, eine romfreie Kirche, ... Indem er seine Landsleute von der Bevormundung und der geistigen Tyrannei Roms befreite und ihnen dabei eine eigene Sprache verlieh, schenkte er ihnen nach düsteren Jahren geistiger Unterdrückung ein natürliches Nationalgefühl.“ Sichelschmidt, während seiner Lebenszeit Autor und teilweise Redaktionsmitglied mehrerer rechtsextremer Zeitungen, zitiert dann zustimmend Luther selbst: „Ich kann es ja nicht lassen; ich muß mich sorgen um das arme, elende, verlassene, verachtete, verratene und verkaufte Deutschland, dem ich ja kein Arges, sondern nur Gutes gönne, als ich schuldig bin meinem lieben Vaterland.“ Auch wenn Luther wegen Fehlens einer einheitlichen deutschen Nation nur selten so deutlich nationalistisch formulierte, war es im Ergebnis für Sichelschmidt doch ausreichend: „Damals trug der Germanismus einen noch lange nachwirkenden Triumph über den Romanismus davon. Luther hatte das „finstere Mittelalter“ beendet und die Menschheit, allen voran seine Deutschen, ein gutes Stück näher an ihre eigentliche Bestimmung herangeführt. ... Trotz aller Polemiken, die überzeugte Universalisten gegen Luther über die Jahrhunderte anzettelten, lässt sich nicht aus der Welt diskutieren, daß er den Deutschen den richtigen Weg zu sich selbst gewiesen hat. Nur so konnten sie wieder zu einer Nation zusammenwachsen, die im internationalen Wechselspiel entscheidende Gegenkräfte entwickelte, um sich inmitten Europas gegen eine feindselig gesonnene Umwelt behaupten zu können.“

Luther als Hitlers Vorbild

Adolf Hitler stilisierte Luther 1923 beim Parteitag der NSDAP während der propagandistischen Vorbereitung des Hitler-Putsches zum Vorbild für sein Führerprinzip: Der habe seinen Kampf gegen „eine Welt von Feinden“ damals ohne jede Stütze gewagt. Dieses Wagnis zeichne einen echten heldischen Staatsmann und Diktator aus. In der 1924/25 in der Haft verfassten Schrift „Mein Kampf“ erwähnte er Luther neben Friedrich dem „Großen“ und Richard Wagner als „großen Reformatoren“, kritisierte aber innerchristliche konfessionelle Kämpfe scharf als gefährliche Ablenkung vom „gemeinsamen Feind“, den Juden.[1]

Hitlers Meinung über Luther in zwei Zitaten: „Luther war ein Riese, er sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen“ (zitiert nach Basler Zeitung, 13.3.2015). „Ich tue nur, was die Kirche seit fünfzehnhundert Jahren tut, allerdings gründlicher“ (aus „Mein Kampf“, nicht allein auf Luther bezogen).

Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, am 20. Mai 2014 in seinem Cicero-Text „Die dunkle Seite des Reformators“: „Der junge Adolf Hitler hatte Anfang der zwanziger Jahre mit den aufeinanderfolgenden Chefredakteuren des Völkischen Beobachters, Dietrich Eckart und Alfred Rosenberg, zwei Berater an seiner Seite, die Luther gerade wegen seines Kurswandels vom Judenfreund zum Judenfeind bewunderten. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass Hitler bereits in seiner Nürnberger Parteitagsrede von 1923 und ein Jahr später in „Mein Kampf“ seine Wertschätzung Luthers zum Ausdruck brachte. Den „großen Reformator“ würdigte er in einer Reihe mit Friedrich dem Großen und Richard Wagner als herausragenden Deutschen.“

Von Luthers 445. Geburtstag zum Holocaust

Die Nationalsozialisten entdeckten Luther erwartungsgemäß schon früh. In den Richtlinien der Deutschen Christen von 1932 wird Luther zur Ikone: „Wir bekennen uns zu einem bejahenden Christenglauben, wie er deutschem Luthergeist und heldischer Frömmigkeit entspricht.“ Die DC bildeten im Dritten Reich innerhalb der christlichen Kirchen vielerorts den Mehrheitsblock und führten einige Landeskirchen. Der christliche Glaube passte allerdings nicht zur faschistischen Ideologie. Die Ausnahme: Martin Luther.

Ein düsterer Höhepunkt war die Reichspogromnacht. Die staatlich organisierten Novemberpogrome 1938, bei denen tausende jüdische Synagogen, Bethäuser und Friedhöfe zerstört, hunderte Juden ermordet und zehntausende Juden in Konzentrationslager deportiert wurden, geschahen ohne jeden Protest einer Kirchenleitung. Einige DC-Kirchenführer rechtfertigten diese Verbrechen mit Berufung auf Luther. Landesbischof Walter Schultz forderte alle Pastoren Mecklenburgs in einem „Mahnwort zur Judenfrage“ am 16. November 1938 auf, Luthers „Vermächtnis“ zu erfüllen und dafür zu sorgen, dass die „deutsche Seele“ nun keinen Schaden erleide, sondern die „deutschen Menschen“ ohne „falsche Gewissensbeschwerung getrost alles daran setzen, eine Wiederholung der Zersetzung des deutschen Reiches durch den jüdischen Ungeist von innen her für alle Zeiten unmöglich zu machen.“ Adolf Hitler, nicht „der Jude“, habe am deutschen Volk „Barmherzigkeit getan“, so dass ihm und seinem „dem deutschen Volk aufgetragenen Kampf gegen die Juden“ die Nächstenliebe, Treue und Gefolgschaft der Christen zu gelten habe. Ob zufällig oder nicht, die erste Nacht kollektiver Massenangriffe auf Juden und damit bedeutender Schritt in Richtung Holocaust fiel genau auf Luthers Geburtstag (Vorabend und Nacht). Aus dieser Verbindung machte z.B. der Thüringer Landesbischof Martin Sasse keinen Hehl. In seiner wenige Tage später (23.11.) erschienenen Schrift „Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“ äußerte er sich: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (...). In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutsche Prophet im 16. Jahrhundert aus Unkenntnis einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“ Er stellte ausgewählte Lutherzitate unter dem Leitmotto von Joh 8,44 („Ihr habt den Teufel zum Vater ...“) so zusammen, dass die nationalsozialistische Judenverfolgung als direkte Erfüllung von Luthers Forderungen erschien. Sasse verbreitete dieses Pamphlet auch außerhalb der Kirchen als „Kampfmittel in dem Weltkampf unseres Volkes gegen die Juden“.

Auch die offizielle Propaganda des Dritten Reiches bezog sich immer wieder auf Luther. Das „Geschichtsbuch für höhere Schulen“ (7. Klasse: „Führer und Völker“) von 1941 zitierte aus Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ mit dem Kommentar: „Keiner vor und nach ihm hat die Juden, diese ,leibhaftigen Teufel`, mit solcher elementaren Wucht bekämpft wie er ...“. Das „Deutsche Lesebuch für Volksschulen“ von 1943 präsentierte unter dem Titel „Der Jude, unser Erzfeind“ judenfeindliche Zitate „großer Deutscher“, darunter Luther.

Kirchen als Wegbereiter des Holocaust

Die zitierten Stimmen waren auch in den Kirchen keine Einzelmeinungen, da die meisten evangelischen Kirchenführer die staatliche Judenverfolgung seit 1933 immer wieder bejaht hatten. Der Deutsche Evangelische Kirchenbund begrüßte die „Machtergreifung“ des NS-Regimes (30. Januar 1933) mit großer Begeisterung. In vielen Predigten und Festtagsreden stilisierten seine Vertreter, zum Beispiel Otto Dibelius beim Tag von Potsdam (21. März 1933), Hitler zum gottgesandten Retter des deutschen Volkes, lobten die Beseitigung der Weimarer Demokratie als „neue Reformation“, parallelisierten Luthers und Hitlers Biografien und konstruierten eine gegen Menschenrechte, Demokratie und Liberalismus gerichtete historische Kontinuität von Luther über Friedrich den „Großen“ und Otto von Bismarck zu Hitler. Im Führerkult waren sich Deutsche Christen (DC) und Bekennende Kirche (BK) damals weitgehend einig. „Mit Luther und Hitler für Glaube und Volkstum“ hieß die öffentlich plakatierte Losung der ev.-luth. Landessynode von Sachsen am 17.11.1933.

Als 1941 der Judenstern eingeführt wurde, waren acht norddeutsche Landeskirchen der „Deutschen Christen“ wieder mit Beifall und Bezug auf Luther dabei: „Als Glieder der deutschen Volksgemeinschaft stehen die unterzeichneten deutschen evangelischen Landeskirchen und Kirchenleiter in der Front dieses historischen Abwehrkampfes, der unter anderem die Reichspolizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden als der geborenen Welt- und Reichsfeinde notwendig gemacht hat. Wie schon Dr. Martin Luther nach bitteren Erfahrungen die Forderungen erhob, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen, und sie aus deutschen Landen auszuweisen.“ Die gesellschaftliche Ächtung der Juden (als Zwischenschritt zur späteren Vernichtung) wurde von acht Landeskirchen am 17. Dezember 1941 in der „Bekanntmachung über die kirchliche Stellung evangelischer Juden“ befürwortet: „Die nationalsozialistische deutsche Führung hat mit zahlreichen Dokumenten unwiderleglich bewiesen, daß dieser Krieg in seinen weltweiten Ausmaßen von den Juden angezettelt worden ist. Sie hat deshalb im Innern wie nach außen die zur Sicherung des deutschen Lebens notwendigen Entscheidungen und Maßnahmen gegen das Judentum getroffen. Als Glieder der deutschen Volksgemeinschaft stehen die unterzeichneten deutschen evang. Landeskirchen in der Front dieses historischen Abwehrkampfes, der u. a. die Reichspolizei-Verordnung über die Kennzeichnung der Juden als der geborenen Welt- und Reichsfeinde notwendig gemacht hat, wie schon Dr. Martin Luther nach bitteren Erfahrungen die Forderung erhob, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen. Von der Kreuzigung Christi bis zum heutigen Tage haben die Juden das Christentum bekämpft oder zur Erreichung ihrer eigennützigen Ziele mißbraucht und verfälscht. Durch die christliche Taufe wird an der rassischen Eigenart eines Juden, seiner Volkszugehörigkeit und seinem biologischen Sein nichts geändert. Eine deutsche evangelische Kirche hat das religiöse Leben deutscher Volksgenossen zu fördern. Rassejüdische Christen haben in ihr keinen Raum und kein Recht. Die unterzeichneten deutschen evangelischen Kirchenleiter haben deshalb jegliche Gemeinschaft mit Judenchristen aufgehoben. Sie sind entschlossen, keinerlei Einflüsse jüdischen Geistes auf das deutsche religiöse und kirchliche Leben zu dulden.“[2]

Ganz rechtgläubig-lutherisch war es, was - um ein Beispiel unter vielen zu nennen - der Präsident der Thüringer Evangelischen Kirche selbst noch im Juli 1944 verkündete, nämlich daß „Adolf Hitler für unsere lutherische Frömmigkeit wahrhaft der Führer von Gottes Gnaden ist. Sein Auftrag ist unmittelbar von Gott, und sein Befehl ist Gottes Befehl!“ Hitler verkörpere „in einzigartiger Weise das deutsche Wesen und die Seele unseres Volkes (. . .) Der Führer ist uns zum Sinnbild des ewigen Deutschen geworden (. . .) Der Führer (. . .) steht auf einsamer Hohe in der ganz kleinen Zahl der wirklich Großen unseres Volkes! Kaum wüßte man neben dem Thüringer Bauernsohn Martin Luther noch einen anderen Deutschen zu nennen, der so wie Adolf Hitler in begnadeter Vollmacht berufen war, seiner Zeit und kommenden Jahrhunderten den Stempel seines wahrhaft revolutionären Wesens aufzuprägen!“[3]

Nazi-Bekenntnisse über 1945 hinaus

Einige Jahre später, nach Vernichtungskrieg und Holocaust, berief sich Julius Streicher, im Dritten Reich Herausgeber des Hetzblatts „Der Stürmer“ in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen weiter auf den Reformator: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch in Betracht gezogen würde. In dem Buch ,Die Juden und ihre Lügen` schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezüchte, man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten (...). Genau das haben wir getan!“ Ihm wurde das Weiterreden verboten - aber Recht hatte er mit seiner Wertung von Luthers Judenhass.


  1. Wikipedia
  2. Wikipedia
  3. Hubert Mynarek: "Luther ohne Mythos", 67