2017-01:Religion als Zeitbombe

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Anton Grabner-Haider/Franz Wuketis

Religion als Zeitbombe?

fb Passend zu dem Zeitgeist von Paranoia vor sich in die Luft sprengender islamistischer Selbstmordattentäter behandelt dieses kleine Buch aus dem religionskritischen Alibri-Verlag den destruktiven Gehalt der Religionen. Hierbei wird ein knapper, aber vielfältiger Einblick in historische und gegenwärtige Glaubensrichtungen, vor allem aus dem eurasischen und nordafrikanischen Raum gegeben. Dabei werden die geschichtlichen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Religionen gezeigt, ebenso wie das teilweise schon vorhandene humanitäre Denken, das bereits vor der Machtergreifung der monotheistischen Religionen durchaus vorhanden war. Interessant sind die vielen Bezüge zu Symbolen, Begriffen und Traditionen, auf die wir auch in der gegenwärtigen Gesellschaft stoßen und die sich als durch von verschiedensten religiösen Vorstellungen der Vergangenheit verwoben erweisen.

Etwas lästig erscheint die wiederholt vorgetragene Betonung zu würdigender Aspekte religiöser Überzeugungen. Sicherlich ist das Anliegen, nicht einseitig und ausschließlich religionsablehnend zu erscheinen. Aber es hätte auch genügt, nur ein-, zweimal darauf zu verweisen, dass Religionen nicht immer nur Schlechtes bewirkt haben, auch wenn sie in der Regel zur Etablierung, Festigung und Erweitung von Herrschaft benutzt wurden. Stattdessen entsteht der Eindruck, die Autoren wollten beschwören, dass Religion an sich eine wichtige Entwicklung der Menschheitsgeschichte seien. Es wird aber auch erkennbar, dass positive Werte, die einzelne Glaubensrichtungen für sich beanspruchen, schon lange in menschlichen Gesellschaften bekannt waren und die Beschränkung ihrer Herkunft und Verbreitung auf religiöse Lehren und Gebote verkürzt wäre. Allerdings waren verschiedene Religionen erfolgreich bei der flächendeckenden Machtübernahme breiter Gesellschaften und deren Prägung mit ihrer Sichtweise auf Mensch und Welt.

Wenig überzeugend kommt der Teil daher, in dem versucht wird Religionen als evolutionäre Phänomene hinzustellen, die quasi notwendig gewesen wären, um sich als Menschheit entwickeln zu können. Gewiss waren dominante Glaubensrichtungen erfolgreich dabei sich gegen den Rest durchzusetzen; das zeigt aber doch nur, dass dies möglich ist, aber keinesfalls, dass solche Entwicklungen notwendig für die Entwicklung des Menschen wären. Insbesondere der Versuch Religion als biologisches Phänomen zu interpretieren, wird nicht überzeugend argumentiert. Hier scheint es zu einer Vermischung soziologischer Beobachtungen mit naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zu kommen. Aus beobachteten Phänomenen werden Ableitungen auf naturmäßige Prozesse gemacht, die zumindest durch die in diesem Buch vorgetragenen Argumente nicht belegt werden. Dass viele Menschen dankbar in die Religion und überirdische Erklärungsversuche flüchten, wenn sie mit Nöten konfrontiert sind oder ihre Umwelt nicht verstehen können, ist nachvollziehbar, ist es doch oft einfacher eine göttliche Begründung zu finden, als beispielsweise das Ende der eigenen Existenz oder der geliebter Menschen hinzunehmen. Womöglich ist dies ein Hinweis darauf, dass unsere Gesellschaft noch geistigen Entwicklungsbedarf hat, dass eine "Aufklärung" der Menschheit, auch wenn sie bereits ein historischer Begriff ist, noch nicht erreicht ist.

Jede der behandelten Glaubensrichtungen wird in diesem Buch auf verschiedene religiöse Charakteristika abgeklopft - u.a. die Wirkung als "Sedativum", "Plazebo", "Lebenselixier", "sozialer Kit" und als "Zeitbombe". Hierbei wird betont, dass das zerstörerische Potenzial bereits in allen Religionen angelegt ist. Umso stärker der Alleindefinitionsanspruch einer Religion ist, umso mehr Gewalt und Opferbereitschaft werden zur Durchsetzung der eigenen Überzeugungen propagiert. Hierbei schimmert bei der Analyse des Islams, die ganz zum Schluss kommt, eine einseitig erscheinende Angst vor diesem durch, die sicherlich auch aktuelle Diskurse widerspiegelt. Sicherlich ist die Angst davor, Opfer eines Anschlags zu werden, nachvollziehbar - schlecht begründet erscheint aber die Akzentuierung des gegenwärtigen Islams als eine Gefahr für die Welt auf der einen Seite und die angebliche Rückbesinnung der herrschenden christlichen Auffassungen zum friedlichen Kern der Lehre eines Jesus. Insbesondere die letztere Deutung ist gefährlich, da hier die Dynamiken, die das gewalttätige Christentum in seiner zweitausendjährigen Geschichte immer wieder an den Tag gelegt hat, unterschätzt werden. Eine historische Betrachtung der Christenkirchenhistorie legt nahe, dass sich das Christentum derzeit nur in einer - durch die von ihm ermöglichten Weltkriege selbstverschuldeten - Machtsenke befindet. In solchen Phasen wurden auch früher schon positive Kerne der Jesuslehre vorgekehrt, nur um bei Rückerlangung umfassender Macht wieder Gewalt gegen Andersglaubende zu richten. Es gab seit der Geburt des Christentums immer wieder solche Episoden in der Geschichte. Christliche Unterdrücker waren nach allzu schweren Exzessen gegen ihre Feinde für einige Jahrzehnte genötigt, toleranter zu agieren und sich für Religionsoffenheit einzusetzen. Sobald dann wieder die Mehrheit erlangt war, war es mit Religionsfreiheit und Toleranz bei den christlichen Herrschern oft wieder vorbei.

Zusammengefasst: Wer einen Überblick über die Religionen unserer Geschichte und ihre gesellschaftlichen Charakteristika sucht, kann in diesem Büchlein Nützliches finden. Manche Schlussfolgerungen und Bewertungen seitens der Autoren können allerdings nicht überzeugen.


  • Anton Grabner-Haider/Franz Wuketis: "Religion als Zeitbombe? Biologische und kulturgeschichtliche Analysen"
  • Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2016
  • ISBN 978-3-86569-244-3
  • 126 Seiten, Taschenbuch