2020-01:Corona 12

Aus grünes blatt
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Linke Verortungen in der Coronakrise

Das Außen

„... ne Freundin arbeitet im Krankenhaus, die musste gerade die Lieferung der neuen Leichensäcke annehmen...“, erwähnte ein Bekannter neulich und schaute mich dabei komplizenhaft an, wie es Leute tun, die davon ausgehen, dass ihre Botschaft bei ihrem Gegenüber ankommt.

„... die werden jetzt neue Gesetze beschließen, die ihnen noch mehr Befugnisse geben...“, wusste eine Freundin schon vor Wochen. Und viele weitere äußern sich mit Bestimmtheit über das doch per se Unbestimmte:

„... ach, das ist nichts anderes als eine Grippe, ich sag's dir...“

„... die nutzen das jetzt, um die Digitalisierung voranzutreiben...“

„... wir werden das eh alle kriegen...“

„... Notstandsgesetze und die Linke schweigt!...“

„... die Einschränkungen sind alternativlos...“

All diese Äußerungen begegneten mir – oft ungefragt – innerhalb der letzten Wochen in Gesprächen mit progressiv denkenden Menschen. Die Personen hinter den Aussagen hatten eins gemeinsam: Sie waren sich des Inhalts ihrer Äußerungen sicher. Genauer gesagt, sie präsentierten sich selbstbewusst und klar.

Das Innen

Das war und ist mir zunehmend verdächtig. Wenn meine Sensoren in dieser Zeit etwas im Übermaß auffangen, dann ist das Unsicherheit, diffuse Angst und die Unklarheit darüber, wie die nächsten Wochen, Monate und Jahre aussehen werden. Wie passt das zusammen? Ich musste zudem beobachten, dass die mit einer solchen Bestimmtheit auf mich einprasselnden Positionen meine Unsicherheit eher verstärkten, denn wie soll ich zu einem Schluss kommen, wenn die intelligenten Menschen um mich herum teilweise gegenteilige Meinungen stark machen und sich dabei alle gleichermaßen ihrer Richtigkeit sicher sind? Auch in Nicht-Corona-Zeiten fällt mir nicht selten, vor allem in linken Kreisen, das Bedürfnis auf, sehr schnell auch zu komplexen Sachverhalten eine klare Meinung zu haben. Ich habe das bereits kritisiert und kritisiere es auch jetzt. Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe ein gutes Grundverständnis von Mathematik, Statistik und Naturwissenschaft im Allgemeinen und ich maße mir nicht ansatzweise an, aus den Infos, zu denen ich Zugang habe, zu destillieren, was tatsächlich gerade passiert. Ich verstehe sicherlich zuwenig davon, wie Krankheiten funktionieren, aber habe eine gute Intuition dafür, was plausibel ist und was nicht.

Hätte ich Ende März eine Liste anfertigen sollen mit Sätzen zum Thema Corona, deren Wahrheitsgehalt ich mir sicher bin, so hätte diese etwa so ausgesehen:

– (leer)

– (leer)

– (leer)

usw.

Meinungsbildung – aber wie?

Dafür ist nicht meine fehlende Bereitschaft verantwortlich, mir eine Meinung zu bilden; auch nicht meine Überforderung allein. Vielmehr plädiere ich bewusst dafür, sich zunächst selbst Zeit zu geben, um zu einem Thema Position zu beziehen. Es kommt dadurch weniger zu Frontenbildung, die eher entsteht, wenn Leute sich unter dem Druck sehen, schnell etwas zu bewerten und mehr nach den Meinungen ihrer peer groups oder Vorbilder gehen als sich inhaltlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zweitens sollte nicht die Arroganz entstehen, man könne überhaupt eine alles abdeckende abschließende Meinung zu einem komplexen Thema haben. Ebenso wie viele Linke zum Beispiel beim Nahostkonflikt deutlich mehr in der Gegend herummeinen als ihnen zusteht, denken viele offensichtlich auch bei Corona, in allen Bereichen genügend sichere Informationen zu erhalten, um das Ganze zu verstehen und zu bewerten. Und fühlen sich dabei geradezu immun gegen Irrwege. Mir ist das ein Rätsel und ich möchte hier für eine gewisse Demut werben, was das Wissen über die Welt und ihre Phänomene angeht. Es ist keine Schande, auch manchmal zu sagen: „Ich weiß es nicht.“ Es kann sogar in Ordnung sein, zu sagen: „Damit möchte ich mich nicht beschäftigen.“ Der Vorwurf des Ausblendens kann nicht zum Totschlagargument werden, denn wir müssen alle durchweg unzählige Dinge ausblenden, sonst sind wir nicht lebensfähig. Auch bei Corona empfiehlt es sich für diejenigen, die nicht aus irgendeinem Grund direkt involviert sind, immer mal wieder auch auszublenden, wie das Virus sich in welchen Teilen der Welt auch immer verhält. Drittens finde ich wichtig, anzuerkennen, dass die Meinungsbildung Grenzen hat. Ich versuche, mir bewusst zu machen, an welcher Stelle ich nun doch eine Quelle als Autorität annehme und an welcher Stelle ich trotz vieler Versuche nicht mehr kognitiv in der Lage bin, die Komplexität zu entwirren. Wir müssen nicht alle Virolog_innen sein. Können wir auch nicht. Um den dritten Punkt zu illustrieren, möchte ich noch einmal auf die leere Liste von oben zurückkommen. Denn inzwischen wäre dann doch das ein oder andere dazu gekommen. Die langsame und achtsame Beschäftigung mit einem komplexen Thema in all seinen Dimensionen, sei es wissenschaftlich, gesellschaftlich oder emotional, führt nämlich eben doch zu wertvollen Erkenntnissen, die nur eben anders ausfallen als obige Wahrsagereien oder Verschwörungstheorien. Diese will ich nun teilen:

1. Corona ist eine Herausforderung, die es so noch nicht gab
Dazu brauche ich nicht einmal Nachrichten zu lesen; meine Wahrnehmung reicht aus, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Ich meine das übrigens nicht so wie Merkel („Seit dem 2. Weltkrieg usw“), sondern eher simpel und unaufgeregt wie folgt: Die Menschen, die jetzt leben, haben noch keine weltweite Pandemie erlebt. Das heißt, es gibt keinen gesellschaftlichen Präzedenzfall. Das heißt, alles ist Spekulation und kann nur Spekulation sein. Es kann und sollte jetzt viel geforscht werden, während sie stattfindet, auch für den Umgang in der Gegenwart, aber vor allem,damit das nächste Mal nicht mehr alles Spekulation sein muss. Auch für die einzelnen Menschen bedeutet das, dass alle überfordert sind, nein, überfordert sein müssen. Wer es nicht ist, lügt oder macht sich und anderen etwas vor. Auch deswegen erscheinen mir jene selbstsicheren Aussagen verdächtig. Man kann sie begreifen als einen Versuch, das Geschehen zu beherrschen, to be in control. Nachvollziehbar, aber auch blöd, weil der unkontrollierbare Charakter in der Pandemie ja völlig offensichtlich zutage tritt.

2. Egal, wie das Ganze verläuft, werden diejenigen, die jetzt am weitesten unten sind, am meisten zu leiden haben
Corona bzw. die Maßnahmen dagegen verschärfen die Situation für Kinder, Alte, Kranke, Wohnungslose, Geflüchtete, Arme, Prekäre, Traumatisierte, Menschen, die mit Ängsten, Zwängen, Depressionen, Paranoia und ähnlichem zu tun haben, Abhängige. Wer stabiler ist, sei es durch materielles oder emotionales Kapital, kann in der Krise besser für sich sorgen. Auch für so gut wie alle anderen bedeutet die Situation Einschränkungen, aber für diese Gruppen deutlich mehr, zumal diese alle auch schon ohne Pandemie in ihren Freiheiten eingeschränkt werden. Das gilt es zu bedenken, zu supporten und jetzt wie später kritisch zu begleiten.

3. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr besteht darin, durch die Berichterstattung zu Corona bekloppt zu werden
Es kursieren viel zu viele Informationen in dieser Welt für eine einzelne Person. Dieses Phänomen ist erst wenige Jahrzehnte alt und verschärft sich jährlich weiter, durch Globalisierung, Internet, soziale Netzwerke. Wir müssen verstehen, dass es eines bewussten Umgangs mit all diesen Medien bedarf; wir können nicht einfach alles auf uns einprasseln lassen. Wenn mir bei jedem Zeitungsartikel, ob zu Corona oder nicht (manchmal gibt es noch welche), ungefragt Fall- und Todeszahlen entgegengeplärrt werden, macht das etwas mit mir. Viele Zeitungen tun genau das, denn ihr von der Profitlogik getriebener Expansionsdrang lebt von Panik und Erregung. Ein Artikel, dessen Tenor ist, dass sich eine Gemeinde gut vorbereitet, falls es zu einem extremen Ausbruch kommt, trägt die Überschrift „Wir bereiten uns auf das Unvorstellbare vor“ und nimmt die Katastrophe damit zu einem Zeitpunkt vorweg, wo sie definitiv noch nicht da ist, sofern sie überhaupt eintritt. In anderen Artikeln stellen gecastete Gefälligkeitswissenschaftler gebetsmühlenartig fest, dass es auch bei jungen Leuten zu schweren Verläufen kommen kann. Damit auch nicht ein junger Mensch auf die Idee kommt, seiner von den Medien geschürten Panik mit der empirisch bestätigten hohen Wahrscheinlichkeit entgegenzuwirken, dass es ihn eben nicht erwischt. Das wäre ja noch schöner; nein, wenn schon apokalyptische Stimmung, dann bitte bei allen gleichermaßen, egal wie unterschiedlich riskant das Ganze für sie ist. Mehr als sonst gilt es, Medien in geringen Dosen zu konsumieren, je nach eigenen Bedürfnissen und Vorlieben. Und dabei immer auch mitzulesen, weshalb ein Beitrag das sagt, was er sagt. Damit meine ich nicht die vermeintlich dahinterstehende Verschwörung, sondern die Tatsache, dass gerade jetzt Äußerungen von Personen des öffentlichen Lebens vor allem strategische Hintergründe haben, z.B. dass die Menschen sich an die Maßnahmen halten, das Virus ernst nehmen, nicht durchdrehen beim Einkaufen, und so weiter und so fort. Deshalb die Beiträge über die schweren Verläufe bei jungen Leuten, ebenso über vermeintliche „Corona-Partys“, einfach damit die am wenigsten Gefährdeten sich dennoch verantwortlich und solidarisch verhalten. Doch apropos Verschwörungstheorien:

4. Die Corona-Krise ist auch innerhalb der Linken der perfekte Nährboden für Verschwörungstheorien
Ich sehe die Einschränkung der Grundrechte und -freiheiten kritisch und glaube dennoch nicht an eine groß angelegte Verschwörung. Dass die Herrschenden aus Politik und Wirtschaft auch in dieser Krise die Dinge zu ihrem persönlichen oder ideologischen Vorteil nutzen, ist keine Empörung wert, es ist kein Skandal und es ist keine Überraschung. Corona schafft die kapitalistische Herrschaft nicht ab, ebenso wenig die reaktionären Kräfte. Und doch leben wir in einer Zeit, in der die Eliten in Deutschland sicher nicht daran interessiert sind, eine Diktatur zu errichten. Und wenn Freiheiten eingeschränkt, Überwachung und Repression jetzt verstärkt eingesetzt werden, so sollten alle sich verantwortlich fühlen, diese Maßnahmen kritisch zu begleiten. Leider neigt die Linke eher dazu, aus ihrer völlig angemessenen Überforderung abzuleiten, dass das alles bewusst gesteuert wird und Corona nur ein Vehikel übergeordneter Interessen seitens der Regierung, der USA oder am Besten gleich der jüdischen Hochfinanz sein kann. Ich verstehe es (teilweise); die Regierung der BRD zeichnet sich wie die der meisten anderen Staaten vor allem durch profitorientierte, usbeuterische und antisoziale Programmatik aus, was kritische Stimmen nicht gerade mit Vertrauen versorgt. Es scheint mir aber vor allem eine Tendenz der Blasenlinken zu sein, die sich ohnehin (und jetzt mit Corona noch mehr) einzukapseln pflegt und damit das Gefühl extremen Outsidertums künstlich herstellt oder vergrößert, aus dem heraus sie noch so wirre Thesen und Überzeugungen legitimiert. Im Anschluss an Punkt 1. ist festzuhalten, dass die Linken vor allem überfordert sind. Verschiedene Ansprüche konkurrieren miteinander, man muss nicht nur das Richtige tun, sondern auch das Beste für alle (aber wirklich alle?); man möchte sich zu Recht nicht vom Staat fremdbestimmen lassen, es könnte aber auch sein, dass das tatsächlich das Beste für alle ist; man möchte den Anfängen wehren, aber sind das nun die Anfänge oder nicht? Man möchte kritischer Geist sein, aber kennt die zu kritisierende Situation nicht, weil sie neu ist. Ich denke, ein guter Ansatz besteht darin, das System, das es vor Corona schon gab, an der Krise entlang zu demaskieren und kritisieren. Die Geschichte mit den Erntehelfer_innen 1, die Ausblendung der Geflüchteten an Europas Grenzen und im Land selbst, die Fixierung aufs Nationale, die Tatsache, dass der Markt gerade garnichts regelt, das Krisenmanagement bei Corona vs. Krisenmanagement bei der ebenso aktuellen Klimakrise; es gibt Themen genug, bei denen es ausreichend wichtig ist, den Finger in die Wunde zu legen, ohne sich über den Versuch, das zu verstehen, was gerade passiert, in Verschwörungsgefilde hinabzubegeben.

5. Die fast widerspruchslos angewandte Strategie ist eine kalt wissenschaftliche zu der bislang ein Gegenpol fehlt
Es taucht gelegentlich in den Medien auf, dass, meist von Wortgebern anderer Staaten oder (leider) Ökonomen, auf das sträfliche Unterschätzen der gesellschaftlichen Folgen der aktuellen Eindämmungsmaßnahmen hingewiesen wird. Dabei ist es völlig evident, dass durch diese Maßnahmen unzählige Tragödien erst ausgelöst werden. Todkranke sterben alleine, Senior_innen vereinsamen, Kinder werden traumatisiert, weil sie plötzlich über Wochen und Monate isoliert und ohne Spielplätze dastehen, Menschen werden ihre Betriebe, Kneipen und Räume verlieren, bankrott sein, werden traumatische Krankenhauserfahrungen machen, obwohl sie nicht von Corona betroffen sind, die häusliche Gewalt wird steigen, Beziehungen werden die Krise nicht überleben, obwohl sie es sonst vielleicht geschafft hätten, Menschen, denen zentrale Komponenten ihres Lebens wegfallen und nicht ersetzt werden können, laufen Gefahr, zugrunde zu gehen. Die meisten werden mit diffusen Ängsten, Isolation und emotionaler Überforderung zu kämpfen haben. All das wird gerade massenhaft geschehen, daran ändern Youtube-Tutorials für den Yoga-Kurs oder Corona-Küche auch nichts. Wer diese Maßnahmen durchsetzt, sollte sich dessen unbedingt bewusst sein ein Abwägen öffentlich problematisieren, zumal mit der Dauer der Maßnahmen ihre schadhaften Effekte eher zunehmen werden. Dieses Abwägen erhält bislang sehr wenig Raum. Die Krisenmanager_innen machen sich stark für die wissenschaftlich legitimierte Strategie, die ein gutes Ziel hat, aber völlig kalt ist, weil die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel kaum gestellt wird. Ich nehme an, aus Angst. Ich rechne allerdings in meinen optimistischen Momenten damit, dass dieser Aspekt zunehmend wichtiger werden könnte; erste Ansätze scheinen mir bereits zu existieren.

Die Liste als Modell

Diese Erkenntnisse zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass in ihnen keine Bewertung des Ganzen, sondern eine Einordnung bestimmter Teilaspekte vorgenommen wird, bei denen ich mich in der Lage sehe, sie analytisch zu begreifen und zu kommentieren. Eine solche Liste zu machen ist mein Gegenangebot zu den vor unumstößlicher Überzeugung triefenden Aussagen, mit denen ich diesen Text eingeleitet habe. Möge es zumindest eine Debatte anstoßen.

Der Autor beschäftigt sich mit diesen und weiteren Zerwürfnissen der turbokapitalistischen Gesellschaft regelmäßig auf diesem Blog: https://grillmoebel.github.io

1 Ich meine damit den Skandal, dass wegen der Corona-Einschränkungen keine Billig-Arbeitskräfte aus Osteuropa einreisen durften, um in der BRD die Ernte einzuholen und gleichzeitig die Dumpinglöhne und schlechten Arbeitsbedingungen dazu führen, dass sich hierzulande kein Ersatz findet. Dass diesem Problem dadurch begegnet wurde, dass ausgerechnet die Einschränkungen punktuell für die Saisonarbeiter_innen gelockert wurden, und damit deren erhöhte Gefährdung faktisch in Kauf genommen wird, solange sie unseren Spargel ernten, ist das eigentlich Perfide.