2012-01:Kreative und subversive Pornos wider der sexistischen Scheiße? Für die Rechte von Sexarbeiter innen? Unbedingt!

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kreative und subversive Pornos wider der sexistischen Scheiße? Für die Rechte von Sexarbeiter_innen? Unbedingt! – Eine Kritik an Mon@s Artikel PorNO. Gegen Sex als Konsumgut. Für Lust unter Gleichen.

Lemor Ich teile Mon@as scharfe Kritik am Mainstream-­Porno­-Müll, der sexis­tischen, männerorientierten Scheiße, die

  • Männern beibringt, dass sie männlich sind, wenn sie Frauen ins Bett kriegen, beherrschen und ernied­rigen können,
  • Frauen sagt, dass es ihre Aufgabe als Frau ist, von Männern gewollt zu wer­den und zu tun, was Männern gefällt
  • ­ und allen, die nicht in ein binäres männlich/weiblich Schema passen (wollen) vermittelt, dass sie nicht „richtig“ sind.

Was mich dagegen an Mon@s Artikel stört, ist:

  • der Satz: „Wir als Feministinnen...“, weil er vereinnahmend ist. Hier wird eine ganze Bewegung von Feminist_in­nen geleugnet und vertuscht, die sich Pornographie mit queer­-feministischen Werten und einer sex­-positiven Einstel­lung wieder angeeignet hat. Oder aber es wird behauptet: Das sind keine Fe­minist_innen.
  • die Behauptung, die Differenzierung zwischen Mainstream­- und Queerfemi­nistischem ­Porn im Straßen­-aus­-Zu­cker­-Artikel würde Widerstand gegen den sexistischen Mainstream aushe­beln: Die Macher_innen von queer­-fe­ministischen Pornos setzen sich wahr­scheinlich weitaus tiefer mit einer feministischen Kritik an der Pornoindustrie auseinander als Mon@ oder ich es tun und verstehen ihre Arbeit selbst als Protestform. Ihre Arbeit ent­steht dabei nicht im losgelösten Raum, sondern wächst aus einer jahrzehnte­langen intellektuellen Auseinanderset­zung mit feministischen Diskursen. Sie wird immer wieder reflektiert, in der politischen Kontroverse zur Diskussion gestellt und überarbeitet.­
  • der Irakkriegvergleich: Ich halte ihn für unpassend und unangebracht. In politischer Argumentation wird oft ein Vergleich zwischen verschiedenen Unterdrückungsformen herausgestellt, wo er eigentlich nicht nötig ist. Es wird versucht aufzuzeigen, wie schrecklich das eigene Anliegen ist, in­dem es mit einem anderen furchtba­ren Ereignis oder Verhältnis verglichen wird. Oder es werden Hierarchien auf­gebaut, welche Unterdrückung denn nun schlimmer ist. Der Vergleich belei­digt Überlebende und bringt uns in der Debatte nicht weiter – die vielen unterschiedlichen Erfahrungen von Pornodarsteller_innen lassen sich nicht mit den vielen unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen im Irak vergleichen (sicher würden auch viele Iraker_innen diesem Vergleich wider­sprechen).
  • die Verwendung des Begriffs „Hure“, weil er beleidigend ist. Leider ist es auch unter vielen Feminist_innen noch üblich, auf Sexarbeiter_innen herabzuschauen. Komischerweise, denn: wo mensch meinen könnte, Fe­minist_innen zählten zu den progres­siveren in der Gesellschaft, wird auf eine Rhetorik zurückgegriffen, die auch aus konservativen Kreisen stam­men könnte – im englischsprachigen Raum wird das „Slutshaming“ ge­nannt. Aber: wenn sich Feminist_in­nen um Frauen im Sexgewerbe Sor­gen machen, hilft es wenig, diese auch noch zu erniedrigen – daran findet sich nichts Progressives oder Radika­les. Und es werden die Falschen damit angegriffen. Einer patriarchalen Ge­sellschaft schadet Slutshaming jeden­falls nicht.
  • die indirekten Verbots­- und Zensur­forderungen. In dem von Mon@ emp­fohlenen Emma-­Artikel „Pornos sind geil“ wird genau das als Lösung gegen die sexistische Pornoindustrie vorge­schlagen: ein Anti­-Porno Gesetz, für das Alice Schwarzer, Autorin des Em­ma­-Artikels und Mitbegründerin der PorNO­-Bewegung, schon seit Jahr­zehnten kämpft. Schwarzer hat sich darüber hinaus schon vor Inkrafttre­ten des Prosititutionsgesetzes in 2002 (arbeits­- und sozialrechtliche Gleich­stellung mit anderen Berufen) bis heu­te gegen die Legalisierung von Prosti­tution ausgesprochen.

Zensur ist auch keine Lösung

Im Grunde ist es eine Frage von Zen­sur: Will ich, dass sich ein Staat ein­mischt und verbietet, was mir nicht passt?

Praktisch gesehen bringt uns eine Por­NO-­Verbot nicht weiter: Wie durch­setzbar ist ein Verbot angesichts einer milliardenschweren Industrie im Kapi­talismus? Und selbst wenn: das Inter­net kann sich – glücklicherweise – noch weitgehend der staatlichen Regu­lierung entziehen. Wie Gesetze in ei­nem gesetzesfreien Raum durchset­zen? Aber dort, wo ein „Schwarzmarkt“ entsteht, treibt es die Macher_innen in die Illegalität – mit der Konsequenz, dass mit staatlicher Repression gegen Sexarbeiter_innen vorgegangen wird. In welchem feministischem Sinn ist es, Sexarbeiter_innen weiterer Diskrimi­nierung und Polizeigewalt auszuset­zen?

Vor allem trifft Zensur zuerst queere und alternative Produktionen, die we­nig Mittel zur Verfügung haben und nicht die große Industrie. Warum dann nicht einfach nur Mainstream­-Pornos verbieten? Abgesehen davon, dass was als erniedrigend empfunden wird von Person zu Person verschie­den ist, ist es wirklich realistisch, dass in einer patriarchalen, christlich­-kon­servativen, kapitalistischen Gesell­schaft die milliardenschwere Industrie angegriffen wird und nicht die kleinen queeren Produktionen, die nicht in die Norm passen und kein Geld einbrin­gen? Spielt eine Verbotsforderung nicht eher der prüden und konservati­ven Politik zu, gegen die Feminist_in­nen früher angekämpft haben?

Angesichts der widerwärtigen Main­stream­-Pornokultur kann ich verste­hen, wenn mensch angewidert sagt: Ich will keine Bilder sehen, in denen sich Frauen so zeigen, das trägt nur zur Pornokultur bei. Sie ist nicht sexu­ell befreiend, sondern normierend, vermittelt bescheuerte Geschlechter­rollen und Schönheitsideale und glorifiziert ein Sexualverhalten fernab von zwischenmenschlicher Interaktion, die auf ein gemeinsames Einverständnis, gegenseitigem Respekt und Einfüh­lungsvermögen beruht. Aber Porno­graphie kann anders sein: Feministischer Queer­-Porn will sich dagegen zur Wehr setzen und seine Zuschau­er_innen dazu ermutigen, sich ihre ei­gene Sexualität wieder anzueignen, anstatt sie fremdbestimmen zu lassen. Es wird dargestellt und vorgemacht, wie (wie revolutionär!) Menschen re­spektvoll miteinander umgehen, ihre Bedürfnisse und Grenzen kommuni­zieren, Safer­-Sex praktizieren, und sich selbst, unabhängig vom geltenden Schönheitsideal akzeptieren. Hier geht es um Emanzipation von der sexisti­schen Kackscheisse, mit der uns die Medien berieseln.

Sexarbeit runtermachen? Tabuisieren? Illegalisieren?

Die Beweggründe von Sexarbeiter_in­nen (auch Männer und Menschen jen­seits binärer Geschlechtseinteilung ar­beiten in der Sexindustrie) lassen sich nicht verallgemeinern. Natürlich gilt es genau hinzusehen, wo Zwangspro­stitution stattfindet und bekämpft werden muss. Aber Mon@s These, alle Sexarbeiter_innen leiden bis zur Sui­zidgefährdung unter ihrem Beruf, ist anmaßend und bevormundend. Ich will die Erfahrungen von Mon@s Freund_innen nicht absprechen, aber zu sagen, Sexarbeiter_innen seien ge­nerell und alle Opfer der Industrie, verkennt die vielen Gründe, warum sie sich zu ihrem Beruf entschieden haben – verhältnismäßig hohes Ein­kommen? Flexible Arbeitszeiten? Spass daran? ...? Es wird ihnen abge­sprochen, selbst am besten zu wissen, was sie mit ihren Körpern und ihrem Leben tun wollen.

Wozu Slutshaming im schlimmsten Fall führen kann: Beleidigungen und Demütigungen führen bestimmt nicht zu einer sicheren Atmosphäre am Ar­beitsplatz. Außerdem spielen die ver­balen Angriffe von Feminist_innen der Diskriminierung durch die breite Gesellschaft zu und fördern ein Klima, das sexualisierte Gewalt hervor­ bringt. Es wird jedenfalls nicht zu ei­nem respektvollen, auf Konsens beru­hendem Umgang mit Arbeiter_innen im Sexgewerbe ermutigt. Beleidigun­gen tun weh – da macht es keinen Un­terschied, von wem der Angriff kommt. Sexarbeiter_innen sollten wie alle Anderen das Recht haben, nicht beleidigt und diskriminiert zu werden, vor allem nicht von Feminist_innen, die behaupten, gegen Unterdrückung und Diskriminierung zu sein.

Wer sich um die zweifelsohne risiko­reiche Situation von Frauen im Sexge­werbe interessiert, sollte sich fragen, was Verachtung und Mitleid bringen. Sexarbeiter_innen sind vermutlich ständig von beiläufigen Beleidigun­gen, mangelnder öffentlicher Aner­kennung, bis hin zu einer erhöhten Polizeigewalt und Repressionsgefahr betroffen. In Ländern, in denen Prosti­tution illegal ist, wird’s noch schlim­mer: Die Repression wird größer, es gibt keinen Schutz vor Übergriffen oder Kunden, die nicht zahlen, und wo Prostitution nicht als Beruf aner­kannt ist, gibt es häufig auch Proble­me mit Krankenversicherung und Ge­sundheitsschutz. Dort wo Sexarbeiter_innen Repression fürchten müssen, ist es gefährlich, zur Vorsorgeuntersu­chung zu gehen, wo der Beruf aufflie­gen könnte.

Sexarbeit lässt sich nicht losgelöst von der Systemfrage erörtern. Ob sie in unserer utopischen Gesellschaft vor­kommt, ist eine weitere spannende Frage, aber soviel lässt sich jetzt schon beobachten: Es sind häufig Menschen aus den untersten Einkommens­- und Bildungsschichten und ein hoher Mi­grant_innenanteil, die im Sexgewerbe beschäftigt sind. Ist das noch freiwillig oder haben sie wenig andere Chancen in dieser Gesellschaft? Eine Kritik an Prostitution und Pornographie muss also konsequenterweise auch eine Kri­tik an Rassismus und Ausländerfeind­lichkeit, Armut als Folge von kapitalis­tischen Systemen und generell: der Stellung von Frauen und Transmen­schen in unserer patriarchalen Gesell­schaft beinhalten.

Das älteste Gewerbe der Welt kriegen wir nicht so leicht abgeschafft – aber Prostitutionsverbote drängen Sexar­beiter_innen in die Illegalität und macht ihre Situation unsicher und ge­fährlich. Sexarbeiter_innen brauchen kein Mitleid von Feminist_innen – aber es würde sicherlich nicht scha­den, stattdessen mehr Anti-Sexist_in­ en zu sehen, die an ihrer Seite für ih­re Rechte kämpfen.