2020-01:Interview mit Leona und Tommy vom Projekt Fuck For Forest: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 21. April 2020, 19:05 Uhr

Interview mit Leona und Tommy vom Projekt Fuck For Forest

G.B.: Euer Projekt funktioniert ja auf zwei Ebenen: Auf der einen Seite ist die Pornographie, auf der anderen Seite sind die Projekte, die durch die Pornographie finanziert werden. Könnt ihr uns mehr über diese Projekte erzählen? Was hat Fuck For Forest (FFF) mit dem Geld bisher umgesetzt?

L. & T.: In den letzten 15 Jahren haben wir verschiedene ökologische Projekte und Gruppen unterstützt. Wir haben uns hauptsächlich auf graswurzel-Gruppen fokussiert, die lokal für ökologische Bildung und direkten Aktivismus und Umweltschutz arbeiten. Wohin wieviel Geld geflossen ist, haben wir auf unserer Website dokumentiert.

Vor 5 Jahren haben Leona und Tommy begonnen selbst direkt mit der Erde zu arbeiten und ein ökologisches Zentrum für sozialen Aktivismus in den mexikanischen Bergen gegründet.

G.B.: Was sind eure nächsten Pläne?

L. & T.: Wir wollen uns in Zukunft mehr auf direkten Aktivismus, Bildung und Performance Art konzentrieren. Nachdem wir jetzt 5 Jahre direkt mit der Erde gearbeitet und unsere Energie darauf verwendet haben, jenseits der Versorgungsnetze nachhaltig zu leben, können wir über die Unterschiede zwischen Stadt-Aktivismus und echter ökologischer Arbeit reden. Da wir aber in der modernen Welt aufgewachsen sind, verstehen wir diese Welt und ihre Perversionen. Wir haben auch immernoch viel, dass wir ausdrücken möchten.

In dieser Zeit mit wenig Zugang zu Strom und Internet haben wir viele Mitglieder verloren, obwohl wir diese ernsthafte Arbeit gemacht haben. FFF ist damit das einzige Öko-Projekt, das Mitglieder verliert, weil es nicht sexy genug ist! Wir suchen Leute, die uns dauerhaft unterstützen möchten, weil sie an unsere Arbeit glauben und nicht nur um Sex zu sehen. Dann könnten wir unsere Ideen für einen heißeren Planeten und eine heißere Zukunft umsetzen. FFF könnte mehr wie eine social media Plattform funktionieren, wo Paare und einzelne Leute ihren eigenen Blog haben und für den Upload ihrer eigenen Werke und Gedanken über Sexualität verantwortlich sind. Dann könnte sich FFF selbst tragen und in der Organisation währe mehr Zeit für Performance-Kunst und ökologischen Aktivismus – mehr Aufmerksamkeit für wichtige Themen.

Wir werden zu alt und müde, ständig neue sexy Aktivist*innen zu jagen. Dennoch: Sex erzeugt viel Aufmerksamkeit, leider immernoch aus beschissenen egozentrischen Gründen. Deshalb ist es wichtig, eine soziale, non-profit Erotik-Alternative zu haben.

G.B.: In eurer Zeit in Berlin, z.B. beim A-Kongress und dem Slutwalk, hattet ihr viele Auseinandersetzungen innerhalb der linken Szene. Während nicht alle Kritik[1] gerechtfertigt gewesen sein mag: Was habt ihr rückblickend aus dieser Zeit gelernt? Welche Fehler würdet ihr nicht noch einmal machen wollen?

L. & T.: FFF war nie als politischer Ausdruck gedacht und wir haben auch nie versucht, uns den Trends der politischen Szene in Berlin anzupassen. Viele Leute in FFF verstehen sich als Teil der anarchistischen Bewegung und viele von uns sind wahrhafte Schlampen. Deshalb dachten wir, dass wir zum A-Kongress und dem Slutwalk passen würden.

Leider waren auf dem A-Kongress mehr Leute wütend über nackte Leute als wir es sonst in Berlin erlebt haben. Wir waren auf Straßenparaden wie dem Karneval der Kulturen nackt und die meisten Familien, Berliner_innen und sogar die Polizei waren froh über FFFs Kampf für Ökologie und die Freiheit, nackt zu sein. Auf dem A-Kongress wurden dann zwei nackte Frauen und ein nackter Mann mit Gewalt bedroht, wenn sie nicht gehen oder sich anziehen würden. Drei nackte Leute haben den gesamten A-Kongress gesprengt.

Wir halten Teile der linken Szene in Berlin für ein bisschen borniert, festgefahren in ihren Vorstellungen über was richtig und falsch ist. Für uns ist das Kritisieren von persönlichen Beziehungen, davon wie jemand seinen_ihren nackten Körper ausdrücken will und wie andere Leute Liebe machen, ein direkter Angriff auf persönliche Freiheit. Wenn es Anarchie auf dem Kongress gegeben hat, hat FFF sie geschaffen.

Beim Slutwalk sollte es eigentlich darum gehen, die eigene Schlampigkeit auszudrücken, ohne bedroht und drangsaliert zu werden. Wir hatten ein Poster dabei, das eine feministische Freundin von uns gemalt hat. Sie hat dafür Material von unserer Website genommen, auf der damals hauptsächlich Fotos von Leona und Tommy waren. Für die politische Szene war es nicht gut genug, weil es nur heterosexuelle Sexualität abgebildet hat. Na und?? Es gibt Leute, die auch an dieser altertümlichen Form der Sexualität Spaß haben. Wir müssen nicht alle Formen sexuellen Ausdrucks auf einem Poster zeigen. Oder müssen wir das? Unser Eindruck ist, dass Teile der politischen Szene in Deutschland die konservativste linke Bewegung sind, die wir je in der Welt getroffen haben.

Vielleicht hätten wir die Leute besser über unser Projekt und unsere Ziele informieren können. Aber es kommt uns auch so vor, als wenn einige Leute einfach entschieden hätten, FFF zu hassen ohne sich darüber zu informieren. Wir denken immernoch, dass FFF eher ein offenes philosophisches Projekt und nicht politisch ist. Wir mögen es, dass Leute diskutieren was wir machen ohne zu klare Antworten zu geben. Wir sind alle für unsere eigenen Handlungen verantwortlich. Wir haben zu viele verschiedene Leute in FFF um zu entscheiden, welche Seite FFF als Projekt politisch beziehen sollte. Auch Faschist_innen machen Liebe. Sollten wir ihnen vorenthalten für den Wald zu ficken?

G.B.: Eure Pornos wurden dafür kritisiert, nicht sehr divers zu sein, keinen safer sex zu fördern und einen männlichen Blick zu reproduzieren. Diese Prinzipen sind für feministische Porno-Projekte sehr wichtig. Euer Projekt basiert ja, anders als professionelle Porno-Produktionen, auf Einreichungen. Wie geht ihr mit diesen Themen um?

L. & T.: Jede_r über 18 kann Teil des Projekts sein. Wir treffen keine Entscheidungen über Leute, Körperbau oder sexuelle Orientierung. Die Leute entscheiden sich für uns.

Wir kennen die queere und feministische Szene und haben viele feministische und queere Freund_innen, die FFF helfen. Es scheint aber, als wären viele in der Szene zu cool für fuck for forest. Es sind Leute, die nur kritisieren wollen und sich gleichzeitig weigern, uns etwas Besseres zu zeigen und FFF diverser und bunter zu machen.

Es ist schwer, Leuten zu sagen wie der richtige Weg wäre, ihren Körper oder ihre Sexualität auszudrücken.

Wir haben immer safe sex gefördert. Wir waren dagegen, wenn Leute in der Gruppe keine Schutzvorkehrungen getroffen haben. Aber bei FFF machen auch viele echte Paare und Liebhaber_innen mit, die normalerweise ungeschützten Sex haben. Wir können keinen langjährigen Paaren sagen, wie sie ihre Sexualität zu praktizieren haben. FFF ist die Dokumentation von echten Situationen. Wenn auf der Website Leute ohne Schutzvorkehrungen zu sehen sind, sind das üblicherweise Partner_innen, die normalerweise so Sex haben.

Alle Menschen bei FFF drücken aus wie sie sich fühlen. Niemandem wird gesagt, was er_sie zu tun hat. Wir inszenieren keine Situationen. Eine Kritik am Material von FFF ist deshalb eine Kritik am persönlichen sexuellen Ausdruck der Leute. Das halten wir für sehr beschränkt. Wir haben nie versucht, Material auf männlich orientierte Weise zu machen. Wir wollen kein Material für Leute machen. Wir haben Spaß am Sex und was herauskommt ist das Produkt. Deshalb können wir nicht planen, welche Art von Material auf den FFF Seiten auftauchen wird. Es liegt an EUCH!

Es ist seltsam, dass FFF die Leute wütender machen kann als die normale Porno-Industrie. Wir denken, die Szene erfindet Geschichten. Niemand hat diese Geschichten bestätigt, niemand hat uns dazu geschrieben. Wer kein Argument gegen FFF hat, kann leicht die gängigen Vorstellungen darüber wie die Pornoindustrie funktioniert benutzen, um uns zu kritisieren.

G.B.: Ein Thema in der deutschen linken Szene sind gerade Videos, die ohne Einwilligung in den Duschen und Toiletten von zwei linken alternativen Festivals gemacht wurden.[2] Dieses Material wurde dann auf eine Mainstream-Porno-Plattform hochgeladen. Habt ihr einen Weg, wie ihr sicherstellt, dass das Material auf eurer Website unter Einwilligung gemacht wurde?

L. & T.: Falls das wieder auf irgendwelche Gerüchte anspielt: Niemand hat uns eine Anfrage geschickt, die Sachen zu entfernen oder eine Strafanzeige gegen uns erstattet. Wir haben nie Fotos von Leuten gegen ihren Willen gemacht. Leona und Tommy sind für das Hochladen verantwortlich und haben die volle Kontrolle darüber. Wir stellen sicher, dass die Leute über 18 sind und ihr Material auf der Website wollen. Wenn sie es später bereuen, entfernen wir das Material. Fotos gegen jemandes Willen zu machen, wäre komplett gegen die Idee von FFF. Wir wollen keine Leute auf der Website, die nicht stolz darauf sind, dort zu sein.

Wir hatten ein Problem, dass einige enge Freund_innen nach persönlichen Konflikten entschieden haben, das Material von vielen Jahren zu entfernen. Die Leute haben mit uns zusammen gelebt und gearbeitet, FFF hat für ihr Essen, Unterkunft und Reisekosten bezahlt. Aber sie wollten ihre Fotos weghaben. 5 Jahre von Leuten zu entfernen, die Teil von allem waren, war schwer. Es waren ja auch 5 Jahre unserer Geschichte. FFF hat viel auf Vertrauen basiert. Jetzt wissen wir, warum es Verträge gibt. Aber wir denken weiterhin, dass Verträge nichts mit Aktivismus zu tun haben. Wir wollen niemanden missbrauchen und wir wollen keine Leute auf der Website, die die da nicht sein wollen. Schickt uns die Fotos und Fälle, wo Leute gegen ihren Willen gefilmt und fotografiert wurden. Dann können wir es selbst ansehen und uns verteidigen, anstatt dass nur Gerüchte umherfliegen. Wenn es nur Gerüchte sind, um uns zu schaden – wer ist dann der wirkliche Täter?

FFF schützt die Fotos und Videos auf unserer Website so gut wir können. Aber wir glauben auch an kostenlose Downloads und wir rippen selbst das meiste von unserer Musik und Unterhaltungsprodukten. Wie alles im Internet kann unser Material geklaut und woanders verbreitet werden. Wenn es dir wichtig ist – unterstütze FFF nicht! Wir können kein geripptes Material entfernen, ähnlich wie die großen Unterhaltungsfirmen. Trotzdem sind wir für Piraterie!

G.B.: Würdet ihr sagen, das Material auf eurer Seite ist aufklärerisch?

L. & T.: Alles bei FFF wird mit einer anderen Absicht gemacht als „normaler“ Porno. Wir versuchen kein Produkt zu machen, wir versuchen Spaß zu haben und wir denken nicht, dass Politik zu sehr in unser Sex-Leben gehört. Sexualität für einen guten Zweck zu zeigen fordert viele veraltete moralische Normen heraus. Wir denken, der Ausdruck von FFF ist aufklärerisch. Es ist an den meisten Orten verboten, Sexualität öffentlich zu zeigen – die einzige direkte sexuelle Bildung die wir haben ist durch Pornos. FFF nimmt Sex aus dem heraus, wie die Leute gewöhnlich Sex in der kommerziellen Industrie sehen. Wir brauchen mehr Porno mit einem Zweck.

Wir machen nicht alles richtig und sind definitiv nicht perfekt – wir müssen auch gebildet werden. Wenn euch etwas fehlt, nehmt Kontakt auf und erhellt uns mit euren Ideen. Bildet uns!

G.B.: Ist das nicht ein Spannungsverhältnis – Lust und Spaß auf der einen, Aufklärung und ein guter Zweck auf der anderen Seite?

L. & T.: Wir glauben daran, nicht alles zu ernst zu nehmen und wechseln zwischen dem Denken, der Welt helfen zu können und der Idee, Spaß zu haben so lange es geht. Das funktioniert glücklicherweise gut zusammen. Und wer weiß schon überhaupt, was richtig ist?

G.B.: Danke für das Interview.

  1. Siehe z.B. eine Kritik von Gabriel Kuhn http://www.alpineanarchist.org/r_akongress_deutsch.html
  2. Es handelt sich um die Festivals Monis Rache & Fusion. Hier die entsprechenden Statements der Organisator_innen: https://monisrache.wtf/ https://forum.kulturkosmos.de/viewtopic.php?f=39&t=28956