2020-01:Niemand kam zurück – Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945: Unterschied zwischen den Versionen

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''Dieser Artikel wurde in ähnlicher Form in der Broschüre zur Dokumentation jüdischer Verfolgung in Döbeln<ref>Treibhaus Döbeln e.V./AG Geschichte: NIEMAND KAM ZURÜCK. Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945. Döbeln, 2018.</ref> erstveröffentlicht.''
  
  

Aktuelle Version vom 8. Mai 2020, 08:16 Uhr

Spurensuche zu Opfern des Nationalsozialismus:

Niemand kam zurück – Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945

Bis heute ist wenig über das jüdische Leben im Altkreis Döbeln bekannt. Jedoch lebten vor der Zeit des Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden in der Region, prägten und gestalteten diese und waren Teil des öffentlichen Lebens. Sie waren Freund_innen, Bekannte, Arbeitskolleg_innen, Nachbar_innen, Mitschüler_innen und gleichberechtigte Bürger_innen.

Doch heute sind die Erinnerungen an sie verblasst und ihre Spuren kaum noch sichtbar. Die zweite überarbeitete Auflage der Broschüre "Niemand kam zurück. Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945" will das ehemalige jüdische Leben im Altkreis Döbeln wieder sichtbar machen. Sie beinhaltet alle bisher erforschten Geschichten und Fakten über ortsansässige Jüdinnen und Juden. Sowohl von den Menschen, die einige Zeit ihres Lebens im Altkreis Döbeln verbracht haben, als auch von Jüdinnen und Juden, die aufgrund der antisemitischen Politik aus der Region verdrängt wurden. Nach Ausgrenzung und Entrechtung stand für viele jüdische Menschen die Vernichtung. Deshalb sollen vor allem die Menschen erwähnt werden, die von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren in den Gefängnissen, Konzentrationslagern oder Vernichtungsstätten ermordet wurden. Der Versuch, für all diese Menschen Stolpersteine in der Region als ein Erinnerungszeichen zu verlegen, scheitert oft an den lückenhaften Quellenbeständen.

Dieser Text möchte nichtdestotrotz einen Teil zu dieser Erinnerung beitragen. Ein Großteil der Jüdinnen und Juden siedelte zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts in der Region an. Der Zuzug erfolgte beispielsweise aus anderen deutschen Städten, der damaligen Donaumonarchie Österreich-Ungarn und dem 1918 gegründeten unabhängigen polnischen Staat. Viele Jüdinnen und Juden waren assimiliert und in die Stadtgesellschaft integriert. Unter ihnen befanden sich u. a. Geschäftsgründer_innen, Geschäftsinhaber_innen, Ärzt_innen sowie Kaufleute. Gerade die kaufmännischen Tätigkeiten prägten die Region. So gab es in Döbeln, Roßwein, Hartha, Leisnig und Waldheim jüdische Geschäfte, die das Leben in der Stadt beeinflussten und viele Kund_innen bedienten. Diese waren in städtische Festlichkeiten eingebunden, schalteten Werbeanzeigen in Lokalzeitungen und waren im Stadtbild präsent. Im Altkreis Döbeln gab es keine Synagoge, auch keine jüdische Gemeinde oder einen jüdischen Friedhof. Wenn Familien die jüdischen Traditionen pflegten, dann geschah das oftmals zu Hause oder in einer der umliegenden Großstädte.

Im Verlauf des Machtantrittes der Nationalsozialisten ab 1933 kam es auch im Altkreis Döbeln zu Verfolgung, Ausgrenzung, Demütigung und Entrechtung der hier ansässigen Jüdinnen und Juden. Sie wurden beispielsweise namentlich in der Lokalzeitung genannt und es wurde zum Boykott ihrer Geschäfte aufgerufen. Einige wurden in der antisemitischen Wochenzeitung „Der Stürmer“ denunziert, Berufsverbote wurden erteilt, es kam zu Verhaftungen und ihr Vermögen und Wohnraum wurde beschlagnahmt. Wenn es die Möglichkeit gab, versuchten viele Jüdinnen und Juden in die Anonymität der Großstädte zu fliehen. Schritt für Schritt wurde das jüdische Leben so aus dem Altkreis Döbeln bis zur Gänze vertrieben. Die meisten Jüdinnen und Juden wurden deportiert und in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager ermordet. Einigen wenigen gelang die Flucht und sie überlebten die Shoah. Jedoch kam von den Überlebenden nie jemand in den Altkreis Döbeln zurück, abgesehen von einzelnen kurzen Besuchen, um beispielsweise Familienangelegenheiten zu klären.

Leider gibt es kaum Selbstzeugnisse, autobiografische Berichte und Fotografien. Vieles wurde durch die Nationalsozialisten vernichtet oder ist in Folge des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Wenige Zeitzeug_innen sind bereit, Auskunft über die NS-Zeit zu geben.

Die Aufarbeitung der jeweiligen Lebenswege stützt sich vordergründig auf historische Dokumente, welche von den Täter_innen angefertigt wurden. Dabei wurden Jüdinnen und Juden entmenschlicht, stigmatisiert, gedemütigt, als Objekte verwaltet und später als Nummer ermordet. Viele persönliche Nuancen, Erfahrungen und Erlebnisse wurden dadurch – teilweise für immer – ausgelöscht. Auch hier möchte die oben genannte Broschüre einen Beitrag dazu leisten und die Geschichten dieser Menschen erzählen. Die zugrundeliegende Recherche über das jüdische Leben in der Region begann etwa 2010 im Gedenkbuch des Bundesarchivs, in den jeweiligen Stadtarchiven und im Onlinearchiv der Gedenkstätte Yad Vashem. Auskunft gaben zudem Adressbücher, die Archive der Einwohnermeldeämter und alte Lokalzeitungen. Weiterhin wurde beim Internationalen Suchdienst (ITS) recherchiert, es wurden Gedenkstätten angefragt oder besucht und diverse Stadt- und Staatsarchive einbezogen. Wichtig bei der Arbeit war es, Angaben mehrfach zu prüfen und die Ergebnisse mit mindestens zwei Quellen abzugleichen und zu belegen. Hinzu kam eine Kontextualisierung der Rechercheergebnisse. Dies geschah mit Hilfe der allgemeinen wissenschaftlich-historischen Fachliteratur. Hervorheben möchten wir die Veröffentlichung „Juden in Mittweida. Eine Spurensuche“ von Dr. Jürgen Nitsche. Die detaillierte Recherche des Historikers ermöglichte es, das Leben und Wirken der Familien Lachmann und Kosterlitz sowie von Georg Kariel im Rahmen dieser Broschüre zu vervollständigen. Am Ende der Recherche gelang es, die Geschichten von 24 Familien und neun Einzelpersonen aufzuarbeiten. Dass sich dabei, trotz großer Sorgfalt, Fehler in der ersten Auflage eingeschlichen haben, bitten wir zu entschuldigen. Die Broschüre möchte deshalb auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit formulieren.

Durch einen glücklichen Zufall meldeten sich im Jahr 2015 zwei Niederländerinnen bei der Stadt Döbeln und traten auch mit der AG Geschichte in Kontakt. Die beiden Frauen sind die Enkelinnen von Isay Rottenberg und sie recherchierten über die Geschichte ihres Großvaters, der zwischen 1932 und 1935 die „Deutschen Zigarren-Werke Döbeln“ leitete. Mehrfach kamen die beiden Frauen nach Döbeln, forschten im Stadtarchiv, besuchten mit der AG Geschichte den historischen Ort der Fabrik und nahmen an einem historischen Stadtrundgang teil. Weiterhin meldeten sich Nachkommen von Heinz Tebrich aus Leisnig. Ihm gelang die Flucht nach Großbritannien, später lebte er in den USA. Er hinterließ das einzige Zeitzeugeninterview für den Altkreis Döbeln, welches detaillierte Informationen bereitstellt. Mitglieder der AG Geschichte konnten im Jahr 2017 die Enkelkinder von Heinz Tebrich treffen und so mehr über Heinz und die Geschichte seiner Familie erfahren. Dabei wurden auch Kontakte zu Nachkommen der Familie Goldmann vermittelt. Die Kontaktaufnahme erfolgte über E-Mail und der Austausch konnte einige offene Fragen zur Geschichte der Familie klären. Im Oktober 2017 konnte mit Hilfe von Sozialen Medien auch Kontakt zu den Nachfahren der Familie Motulsky aus Leisnig hergestellt werden, die aktuell in Australien leben. In den kommenden Jahren hat es sich die AG Geschichte zum Ziel gesetzt, die Nachfahren an ihren aktuellen Wohnorten zu besuchen, mehr über die Familien zu erfahren und die Kontakte zu vertiefen. Darüber hinaus sind seit der Veröffentlichung der ersten Auflage dieser Broschüre weitere Namen und Biografien bekannt geworden. So versucht die AG Geschichte nun mehr über die Familie Hofsteller und Georg Meyer aus Döbeln zu erfahren. Weiterhin sind für Leisnig Martin Pelz und Bruno Herrnberg zu recherchieren. Auch für die Stadt Roßwein ist eine weitere Person –Leopold Mandel – bekannt geworden. Viele neue Namen sind zudem für Waldheim aufgetaucht. Dabei handelt es sich um Ruth Grünspan, Kurt Israel, Gertrud Sachs und Albert Syska. Auch sind die Biografien noch lange nicht abgeschlossen und vollends dokumentiert. Weitere Namen und Hinweise werden immer wieder an die Mitglieder der AG Geschichte herangetragen. Jede neue Information und jeder neue Kontakt stößt die Tür zu einer ganz neuen Geschichte auf, die erzählt und bewahrt werden muss.


AG Geschichte

Die AG Geschichte hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte Döbelns während der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Das Ziel ist die möglichst genaue Rekonstruktion der Zeit von etwa 1923 bis 1947, d.h. vom Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung und der schrittweise stattfindenden Radikalisierung des Alltags bis hin zum Beginn der Rüstungsproduktion und dem Einsatz von Zwangsarbeitskräften. Auch soll erforscht werden, wie sich die NS-Ideologie im Allgemeinen durch zunehmende Propaganda immer weiter ausbreitete und alltäglich wurde. Weiterhin werden die Veränderungen im Döbelner Stadtbild, Todesmärsche und die Folgen des Krieges, wie beispielsweise Flucht und Vertreibung, thematisiert.

Aus den Rechercheergebnissen wurde im Laufe der Zeit ein historischer Stadtrundgang mit Schwerpunkt auf der NS-Geschichte Döbelns erarbeitet, konzipiert und etabliert. Dieser wird mittlerweile regelmäßig öffentlich angeboten. Auch eine Homepage und eine Applikation für Smartphones sind bereits entstanden und machen einen großen Teil der Rechercheergebnisse öffentlich zugänglich. Weiterhin ist die Arbeit mit Schulen und die historisch-politische Bildungsarbeit ein wichtiger Schwerpunkt der Projektarbeit. Zudem existiert eine historische Stadtkarte der Stadt Döbeln. Auf dieser sind die wichtigsten Orte der Stadt markiert sowie die Geschehnisse und ihre Bedeutung während der Zeit des Nationalsozialismus in Kürze zusammengefasst. In Kombination mit der vorliegenden Broschüre und der Applikation für Smartphones können sich Nutzer_innen unabhängig von den Mitgliedern der AG Geschichte auf Spurensuche begeben und sich über die Lokalgeschichte informieren.

Die Aufarbeitung der Lokalgeschichte in der Region konzentrierte sich lange Zeit vordergründig auf die Industriegeschichte. Dabei wurden jedoch die Verantwortung der Betriebe im Bereich der Rüstungsproduktion und die Ausbeutung von Zwangsarbeitskräften außer Acht gelassen. Existierende Erinnerungstafeln lassen die Zeit des Nationalsozialismus aus oder bleiben völlig oberflächlich und sind daher für eine aktive Erinnerungskultur ungeeignet. An diesem Punkt möchte die AG Geschichte ansetzen und unter anderem mit Stolpersteinen an die Opfer der Shoah erinnern und Aufklärungsarbeit leisten. Die ersten fünf Gedenksteine wurden in Döbeln 2007 auf Initiative des Gymnasiallehrers Michael Höhme verlegt. Er recherchierte über die Biografien der Familien Glasberg, Gutherz und Rothstein. Ihm gelang eine sehr detaillierte Aufarbeitung der Familiengeschichten, da er ein Zeitzeugengespräch mit Ruth Glasberg führte und von ihr ein gut erhaltenes Fotoalbum erhielt. Die AG Geschichte organisierte im Jahr 2013 die Verlegung weiterer sechs Stolpersteine für die Familien Heynemann, Totschek und Elsa Jacobsohn in Döbeln. Im Folgejahr wurde die Recherche auf den gesamten Altkreis ausgeweitet, sodass 2015 weitere 32 Steine vor den ehemaligen Wohn- und Arbeitsorten von Jüdinnen und Juden in den Städten Leisnig, Döbeln, Hartha, Waldheim und Roßwein verlegt wurden.

Leider gibt es auch heute noch Menschen, die die Erinnerung und das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus verhindern möchten. So wurden Stolpersteine wiederholt beschädigt - mit Farben beschmiert, mit Stickern beklebt und sogar gestohlen. Umso wichtiger ist es deswegen, so viele Bürger_innen wie möglich auf die historischen Geschehnisse und Nachwirkungen der Zeit des Nationalsozialismus aufmerksam zu machen. Junge und alte Menschen sollen dazu animiert werden, sich mit Regionalgeschichte auseinanderzusetzen. Nach dem Leitspruch „Die Geschichte vor Ort lebendig machen“ sucht die AG Geschichte immer wieder die Bezüge zu aktuellen Geschehnissen, denn Antisemitismus, Rassismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sind auch in der heutigen Gesellschaft immer noch allgegenwärtig.

AG Geschichte

Dieser Artikel wurde in ähnlicher Form in der Broschüre zur Dokumentation jüdischer Verfolgung in Döbeln[1] erstveröffentlicht.


  1. Treibhaus Döbeln e.V./AG Geschichte: NIEMAND KAM ZURÜCK. Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945. Döbeln, 2018.