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Ursula K. Le Guin: Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie. Edition Phantasia, Bellheim 2006. 350 Seiten. ISBN 978-3-937897-20-2
 
Ursula K. Le Guin: Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie. Edition Phantasia, Bellheim 2006. 350 Seiten. ISBN 978-3-937897-20-2
  
 
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Aktuelle Version vom 26. Mai 2007, 16:43 Uhr

Die Enteigneten

Eine ambivalente Utopie

fb Auf dem Planeten Urras gibt es eine Revolte von AnarchistInnen, die vom herrschenden kapitalistischen System niedergeschlagen wird. Um die Unruhestifter loszuwerden, wird ihnen angeboten, den Nachbarplaneten Anarres zu besiedeln. Dort entsteht nun über Jahrhunderte eine "revolutionäre" Gesellschaft parallel zum Kapitalismus auf Urras. Aber so herrschaftsfrei, wie zunächst gemeint wird, ist die Gesellschaft auf Anarres dann doch nicht. Mit der Zeit haben sich Notmaßnahmen aus Krisenzeiten, die es häufiger gibt, da Anarres ein karger Wüstenplanet ist, etabliert und immer mehr festgefahrene Strukturen sind entstanden. Innerhalb dieser Gesellschaft bilden einige Freunde ein "Initiavsyndikat" und werden immer mehr zu RevolutionärInnen in einer revolutionären Welt. Ähnlich wie in der präanarchistischen Gesellschaft werden sie ausgestoßen, gemieden, bekämpft - wenn auch nicht immer so offensichtlich, wie früher, so doch unterschwellig.

Die Gesellschaft müsse sich ständig weiterentwickeln, im Fluss bleiben, hatten die anarchistischen SiedlerInnen erkannt und zentralistische und Herrschaftsstrukturen weitgehend abgeschafft. Allerdings entwickelte sich aus den Werken einer Vordenkerin, Odo, eine Art Moral oder Religion. Oder Gesetzbuch. Denn mit Bezug auf ihre Schriften wurden Mitglieder der Gesellschaft kritisiert und getadelt, wenn sie sich nicht normgerecht verhielten. Die Freiheit von Fremdbestimmung, die Möglichkeit sich immer frei entscheiden zu können, war vielfach nur noch Makulatur. Das erkennt Shevek, ein anarchistischer Physiker, immer mehr, als er Anarres verlässt und eine Zeit lang auf Urras arbeitet. Allerdings stellt er nach anfänglicher Blendung von der Schönheit, Vielfalt und Reichtum der kapitalistischen Nationen auf Urras fest, dass sie angesichts der ständigen Machtkämpfe, notwendiger Unehrlichkeit, Unterdrückung und Ausbeutung abschreckend und beängstigend sind. Zuletzt unterstützt er dort einen Aufstand einer neuen anarchistischen Bewegung, die abermals blutig niedergeschlagen wird. An diesem Punkt endet der Roman, er gibt keine Aussage darüber, welches Verhältnis die beiden Gesellschaften fortan prägen wird.

Dass auf Anarres keine wirklich "anarchistische" Gesellschaft lebt, wird schnell deutlich. Bereits die Kindheit verläuft meist fremdbestimmt, denn eine Erziehung zum Anarchismus kann kaum funktionieren. Sie ist eher mit dem Auswendiglernen von Wissen vergleichbar, die jungen Menschen werden so zugerichtet, dass sie sich in der "anarchistischen" Gesellschaft angepasst verhalten. Das bedeutet aber nicht, dass sie selbstbestimmt und frei wären. Als Shevek auf Urras erlebt, wie dort Kinder gemaßregelt werden, stellt er fest, dass nur die Wort anders sind, die unterschwelligen Botschaften und Mechanismen aber sehr ähnlich wie auf Anarres sind.

Ein anderes aus herrschaftskritischer Sicht problematisches Element der Gesellschaft der AnarchistInnen ist die Zwangsarbeit, an der alle Menschen jeden zehnten Tag teilnehmen müssen. Sie können begrenzt auswählen, in welchem Bereich sie arbeiten wollen. Und sie können auch ablehnen zu arbeiten. Aber dann werden sie über kurz oder lang aus der Gesellschaft verstoßen und müssen ins nächste Dorf ziehen, wo das Spiel von vorne losgeht. Mit den Hungernöten, die den Planeten immer wieder heimsuchen, verschärfen sich diese Zustände und der Zwang und Druck, jegliche "notwendige" Arbeiten zu machen steigt. Immer wieder machen sich die Figuren des Romans vor, sie könnten Nein sagen, wenn sie das unbedingt wollen, stellen aber später fest, dass sie das doch nicht so einfach konnten. "Diskursive Herrschaft" ist es, was hier wirkt: kein Gesetz ist es, was den Zwang ausübt, sondern die Wirkung von Diskursen, Normen und Moralvorstellungen. Vielleicht ein guter Hinweis darauf, dass diese Herrschaftsform keinesfalls unterschätzt werden sollte.

Schade ist, dass Le Guin die herrschaftsfreie Gesellschaft als kärglich, am Rande des Überlebenskampfes, kaum fähig zu komplexen Organisationsformen darstellt. Dies ist natürlich zum Teil den schlechten natürlichen Bedingungen auf Anarres geschuldet. Aber es entsteht ein Bild von erzwungener Primitivität, die der Anarchismus mit sich bringe. Abgesehen von solchen Schwächen ist diese Utopie sehr lesenswert, nicht zuletzt zur kritischen Analyse solcher Gesellschaftsmodelle.


Ursula K. Le Guin: Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie. Edition Phantasia, Bellheim 2006. 350 Seiten. ISBN 978-3-937897-20-2