2010-01:Radikale Klimabewegung - Where next?

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jhc Nach der Ernüchterung vom COP-15 in Kopenhagen, reflektiert die radikale Klimabewegung über sich selbst. Ohne die Klimaproblematik isoliert von anderen Herrschaftsverhältnissen zu betrachten, werde ich diese bewegungspolitischen Fragen angehen und eine mögliche Lösungsperspektive formulieren. Sie entstand aus einer Kombination von ökologisch-emanzipatorischen und entwicklungskritischen (Stichwort: „Entwicklung als Herrschaft“) Ansätzen.


Die Klima-Frage ist eine Systemfrage! Aber welches System meinen wir eigentlich? - Ideologische Grundlagen für materielle Herrschaftsverhältnisse

Trotz der inhaltlichen Diskussionen und Positionen macht es für eine radikale Klima-Bewegung weiterhin Sinn sich sich diese Fragen immer wieder erneut zu stellen. Als die Großaktion des UK Climate Camps 2007 unter dem Banner „We are armed only with peer reviewed science“ („Bewaffnet nur mit abgesicherter Wissenschaft“) eine unglaubliche Wissenschafts-Hörigkeit zur Schau stellte, sind einige Menschen stark ins Zweifeln gekommen. War es nicht Wissenschaft als Ideologie im Dienste der Verwertung, die die Industrialisierung welche uns nun um die Ohren fliegt erst möglich machten? Genau hier ist es, wo emanzipatorische Klima-Politik ansetzen muss: Am westlichen Industrie-Kapitalismus.

Unter ökologisch-emanzipatorischen Gesichtspunkten heißt das, den Klimawandel als Symptom eines von mehreren Herrschaftssystemen auszumachen (Mensch über Natur), die in sich allein aufgehoben keine tiefgreifende Veränderung bewirken werden. Deshalb sollte Kritik an markt- und staatsförmiger Klima-Politik Hand in Hand gehen mit Kritik am kapitalistischen Normalvollzug der Industriegesellschaft: Expert_Innen-Hierarchien durch ideologisierte Wissenschaft und High-Tech, materialistischer Konsumfetisch, Schaffung neuer und Pervertierung von Bedürfnisse, „Wohlstand“ auf Kosten anderer und: Industrielle Produktionsprozesse, die an dumpfen Maschinen stehende Arbeiter entfremden, ihnen die Kontrolle über die technische Produktionsmittel rauben und rohstoffliefernde (Lohn)-Sklaven in den Minen und High-Tech-Sweatshops des globalen Südens ausbeuten. Wer im radikalen Klimadiskurs Kohlebergbau auf indigenem Land kritisiert, kann von Bauxit-, Kupfer- und Eisenminen und deren Schmelzen nicht schweigen, die für die elektrischen Energiesysteme im Allgemeinen und für die Produktion von Photovoltaik, Windturbinen, Wasser- und Wellenkraft-Anlagen, den sogenannten „Erneuerbaren“, im Speziellen von Nöten sind. Ansonsten wird mensch schnell, wie das englische Beispiel belegt, zum Handlanger der Wissenschafts-Ideologen. Und deren gefährliche Dystopien sind nicht schwer auszumachen: Grüne und saubere industrielle High-Tech-Zentren in Europa gefüttert von militärisch gesicherten Photovoltaik-Anlagen in der Sahara, neben denen Menschen verdursten, verhungern oder schlicht und einfach an der exportierten Drecksarbeit zum Beispiel. der Rohstoffbeschaffung zu Grunde gehen.

Diese Wissenschafts-Ideologie-Kritik wäre auch ein Ansatzpunkt für die entwicklungskritische Perspektive, die das diskursive Konzept „Entwicklung“ in seiner Gesamtheit als herrschaftsförmig enttarnt. Auch hier geht es darum, die globale Erwärmung als Symptom eines Systems auszumachen. Charakteristisch für das Konzept „Entwicklung“ oder auch „Fortschritt“ ist die Herstellung von Dominanzen westlicher Ideen über das Nicht-Westliche. Wachstums- und Tauschökonomien über Schenk- und Subsistenz-Ökonomien. High-Tech und Wissenschafts-Ideologie über gemeinschaftlich-innovativem Wissen („Folk Science“) und traditioneller, handwerklicher Produktion. Materialismus, „Wohlstand“ und „Lebensstandard“ statt individueller und gesellschaftlicher Entfaltung und Teilhabe. „Wissens- und Techniktransfer“ statt Selbst-Aneignung, Ermächtigung und horizontalem Wissens-Austausch. Durch die Dominanz der ersteren, westlichen Begriffe entsteht schnell ein kulturelle Hegemonie, der auch bei denjenigen Lösungen zur Klimaproblematik klar zum Vorschein kommt, die dem Konzept der „Entwicklung“ huldigen: Den „False Solutions“.


Systemkritische Gegenentwürfe: Widerständiger Alltag, Alternativen und Aneignung

Gerade auf Grund einer solch systematischen Kritik sollte mensch ähnlich viel Abstand von klassisch-linken, „modernen“ Fortschrittsideologien nehmen wie sie_er es von reformistischen Markt- und Staats-Lösungen nehmen würde, die ein ähnliche diskursive Grundlage haben. Dass es deshalb neben direkter Aktion zur Vermittlung dieser Systemkritik auch und besonders um das Aufbauen und Leben von Alltagsalternativen und das Aneignen und Lernen von Fähigkeiten im Hier und Jetzt geht, haben die Camps for Climate Action in Großbritannien eindrucksvoll bewiesen. Schließlich wollen wir auch nach der Revolution trotz Befreiung von unnöitger Tätigkeit und Arbeitszwang noch ausgiebig schmausen und schlemmen, auf der warmen Ofenbank abhängen und ordentlich abfeiern. Ökologischer Hedonismus eben. Doch wie genau sieht diese Praxis, diese Gesellschaft nach dem Zeitalter der nicht-erneuerbaren Ressourcen aus?

Aus ökologisch-emanzipatorischer Sicht muss die Frage gestellt werden: Was sind wirkliche, tendenziell Herrschaft abbauende Lösungen für die Klima-Problematik? Problematisch sind hier technologische Lösungen schon allein deshalb, weil sie unter Aspekten der Selbstorganisation tendenziell zu Hierarchien und Herrschaftsverhältnissen führen und eine horizontale Organisation der Produktion je schwerer ist, desto komplexer und globaler sich der Produktionsprozess zwangsläufig gestaltet. Wenn der Klimawandel die Befriedigung der einfachsten menschlichen Bedürfnisse (Essen, Wohnen, Gesundheit etc.) in Gefahr bringt, warum suchen wir dann nach Alternativen, die einen Luxus erhalten, der auf dem Leiden anderer und der Beschneidung dieser ihrer Bedürfnisse basiert? Luxus für Alle? Alles für Alle? Ja, vielleicht, aber: Was ist „Luxus“? Was ist „Alles“? Der Klimawandel verlangt von „uns“ in den industrielle Zentren eine Treibhausgas-Reduktion von 90% genauso, wie für ein horizontales Verhältnis zwischen globalem Norden und globalem Süden eine Reduktion des gesamten Ressourcen-Verbrauchs um 90%. „Alles“ hat dann nichts mehr mit materiellem „Luxus“ im heutigen Sinne zu tun, sondern viel mehr mit zwischenmenschlichem und gesellschaftlichem Luxus. Eine alltägliche klima-politische Praxis, muss neben direkter Aktion die eigenen Bedürfnisse klären und versuchen, diese in kooperativer, klima- oder besser: ressourcen-neutraler Weise zu befriedigen. Dies bedeutet die fast ausschließliche Verwendung von lokalen, nachwachsenden und erneuerbaren Ressourcen oder das direkte D.I.Y.-Recycling der Überbleibsel der Industriegesellschaft. Wenn es um Aneignung von Fähigkeiten geht, sollten den verfügbaren Ressourcen angepasste handwerkliche und dezentrale Produktionstechniken, clevere Recyclingkonstruktionen, radikale Subsistenz, nicht-kommerzielle Landnutzung und deren kooperative Anwendung in lokalen Kollektiven im Vordergrund stehen. Ein kollektiver Ausstieg der Industriegesellschaft samt ihrer Denklogiken und ihrer pervertierten Bedürfnisse ist nicht nur aus diesen und den oben genannten Gesichtspunkten heraus praktikabel, sondern auch erforderlich für eine emanzipatorische Klima-Politik und in einer anderen Polit-Kultur ihre Vermittlung findet, die die Trennung zwischen Arbeit und Müßiggang aufhebt, Wert auf den direkten, horizontalen, zwischenmenschlichen Kontakt, menschliche Kreativität und den Ausbruch aus dem Szene-Ghetto Wert legt. Gerade hier bei der Gestaltung der post-fossilistischen, gesellschaftlichen Praxen ist die entwicklungskritische Perspektive hilfreich. Mit ihrer Aufwertung von widerständigen Gemeinschaften im globalen Süden, deren Solidar-, Lebens- und Produktionsstrukturen, die oft schon eine sehr fortgeschrittene Grundlage für eine solche post-fossilistische Gesellschaft darstellen, eröffnen sich Möglichkeiten einer horizontalen Vernetzung und gegenseitiger Inspiration zwischen Graswurzel-Initiativen gegen „Entwicklungs“-Projekte im globalen Süden und industrie-kritischen Bestrebungen einer radikalen Klima-Bewegung im globalen Norden.


Radikale Klima-Bewegung – Where next!?

Wenn Herrschaft als Wurzel der globalen Erwärmung begriffen wird, kann die obige Analyse greifen. Dann würde die Utopie - Herrschaftsfreiheit - Hand in Hand gehen mit einem materiell einfacheren, gesellschaftlich dafür aber umso komplexeren und erfüllenderen Leben.

Vieles in der theoretischen Diskussion sowie der politischen Praxis der radikalen Klimabewegung in Großbritannien deutet in die oben beschriebene Richtung. Aber nicht nur dort, sondern auch in Frankreich entsteht eine Bewegung unter dem Banner der „Décroissance“oder zu deutsch, „Wachstumsrücknahme“, die viele Ideale einer emanzipatorischen Einfachheit („Simplicity“) teilt und der auch Teile der anti-kapitalistischen und anarchistischen Bewegung zuarbeiten. Auch in der BRD ist einiges in Bewegung gekommen. Es wird sich allerdings zeigen, inwieweit es Menschen schaffen diese Ansprüche herrschafts- und hierarchiekritischer Klima-Politik in nächster Zeit und darüber hinaus in die Tat umzusetzen. Dazu würden gehören: Radikalökologisches Leben auf Camps, Diskutieren und Anwenden der Alltagsalternativen für ein klima- und ressourcen-neutrales Leben, selbstorganisierte Bildung und Skill-Sharing gegen den Klimawandel sowie selbstbestimmte und vielfältig-kreative, interventionistische und nicht nur rein symbolische Aktionen.

Relevante Artikel und Texte:

Konkrete Alternativen und Praxis (willkürliche Beispiele):