2008-03:Mission Klassenzimmer

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Mission Klassenzimmer

Rezension von Roland Amann

Sie zieht sich quer durch sämtliche politischen Spektren: die allgegenwärtige Debatte über Bildung. Der Begriff erweist sich als leerer Signifikant. Er läßt sich mit unterschiedlichsten Inhalten füllen – je nach eigenem ideologischen Gusto. Manchem gilt sie als Integrationswerkzeug, anderen als Identitätsstiftungsmaschine. Andere (weltabgewandtere) wollen sie gänzlich abschaffen – auf daß sich die „jungen Menschen frei entwickeln können“. Schülervertreter fordern mehr Ausbilder und Mittel, um deren Funktion als Aufstiegsmittel, sowie der Garantie erreichter gesellschaftlicher Stellung zu optimieren. Eltern der rührigen Mittelschicht wünschen sich und ihrem (seelisch fragilen) Nachwuchs die jeweils kindgerechtesten Schulen und Lehrer. Genau hier öffnet sich das Einfallstor für allerlei religiöse/weltanschauliche Ambitionen, um im zarten Schul- und Vorschulalter neues Gemeindevolk zu missionieren. Das ist altbekannt, aber die Bandbreite wird größer: Vom anthroposophischen „Waldorf“-Großkonzern, den unzähligen „Montessori“-Klitschen, oder in jüngster Zeit sogar islamistische „Koranschulen“. Jedoch auch an staatlichen Schulen (wie am Beispiel Hessen ersichtlich – die staatliche Subvention des „Kreationismus“) herrscht Missionswut. Ob konfessioneller Unterricht, oder der Einzug von esoterischem Humbug wie „Yoga“ und „Meditation“, „NLP“ oder „Tiefenentspannungsübungen“, „Farbtherapeutik“ und „Kraftzentren“ an Schulen – der Irrationalismus feiert gerade auch hier fröhliche Urständ.

Mit dieser „Mission Klassenzimmer“ beschäftigt sich der gleichnamige, mittlerweile zwar ein wenig in die Jahre gekommene, aber immer noch informative Kongreßband. Ein erstes Kapitel versucht eine Bestandsaufnahme des Themas, die sich touchand am damals bedrohlich inszenierten GATS-Abkommen abarbeitet. Treffend hingegen kritisiert es die weiter zunehmende Zahl an Schulen im Besitz „freier (privater) Träger“. Überwiegend sind diese konfessioneller Natur, oder eine weltanschauliche Minorität nutzt diesen Weg ihre Gemeinschaft zu stabilisieren und gesellschaftlich zu etablieren.

In der Folge enthält der Band durchweg brauchbare Artikel über „christliche Erziehung“, den schon genannten weltanschaulichen Schulformen und Esoterik/Okkultismus bei Jugendlichen. Dem Charakter als Tagungsband ist es geschuldet, daß die einzelnen Beiträge oft fragmentarisch erscheinen, auch Redundanzen scheinen unvermeidlich. Wer sich aber einen Grundüberblick verschaffen will, um seine eigene ideologisch/religiöse Grundierung zu transzendieren, der findet hier nützliches Startmaterial ergänzt um zusätzliche Auswahlbibliographie.


  • Forum Demokratischer AtheistInnen (Hrsg.): Mission Klassenzimmer
  • Alibri Verlag 2005
  • ISBN 3-932710-78-9