2017-01:Anarchismus Hoch 3

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Rezension "Anarchismus Hoch 3"

Interessante Interviews mit Anarchist*innen?

Irene Das Buch „Anarchimus Hoch 3 – Utopie. Theorie. Praxis“ enthält zahlreiche bunt gemischte Interviews mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich größtenteils als anarchistisch verstehen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Organisation in Kollektiven.

So werden beispielsweise in drei Interviews zu den Verlagen unrast, Edition Nautilus und Assoziation A unterschiedliche Ansätze in der Verlagsarbeit präsentiert von Finanzierungsmodellen bis zur Buchauswahl, verbunden mit der Frage nach den jeweiligen Lieblingsbüchern. Weitere interviewte Kollektive sind das Druckereikollektiv „fairdruckt“ (jetzt „onbones“) und der vegane (Versand-)Handel „roots of compassion“. Vorgestellt werden auch Buchautoren wie Andreas Kempker und Jochen Knoblauch, die Regisseure von „Projekt A“ mit der Entstehungsgeschichte des Films sowie der anarchistische Buchladen „black pigeon“ aus Dortmund, der neben einem Buchladen auch einen Anlaufpunkt im Stadtteil bietet. Auch mit den Interviews einer Kommunardin und Aktiven in der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) werden Möglichkeiten für ein kollektiveres Arbeiten und Zusammenleben sichtbar. Ansätze für Interventionen in gesellschaftliche Kämpfe werden durch einen Graswurzel-Aktivisten mit Kartoffelschleudern gegen Genfelder und Besetzungen des Gefechtsübungszentrums Heer in der Altmark (GÜZ) und durch Hausbesetzerinnen im Kampf für ein soziales Zentrum dargestellt.

Spannend sind besonders die Interviews zur Situation von Anarchist*innen und sozialen Bewegungen in der Ukraine, Russland, Indonesien, der Türkei und in Griechenland, die einen kleinen Einblick in Probleme und Organisationsmöglichkeiten dort ermöglichen.

Leider bleiben die Interviews oft oberflächlich und an interessanten Punkten wird nicht nachgehakt, So werden zum Beispiel Projekte gegen die HEW-Lesetage erwähnt oder über libertäre Ansätze in der Occupy-Bewegung gesprochen, aber nicht nachgehakt worin die Projekte bestehen oder welche Ansätze von Occupy libertär sind. Es wird die Spaltung der Linken in der Ukraine thematisiert, aber nicht wie damit umgegangen wird.

Außerdem bringt der Interviewer die eigene Position stark ein, was sich nicht nur an der Auswahl der Personen (die v.a. aus dem ihm nahestehenden Teil anarchistischer Bewegung stammen), sondern auch an den Interviews selbst zeigt. Es wird für meinen Eindruck eher versucht Meinungsvielfalt klein zu reden anstatt sie auszuhalten und darzustellen. Das ist vor allem bei den kurzen Debatten um Gewalt(freiheit) zu merken, aber auch wenn bemängelt wird, dass die anarchosyndikalistische Gewerkschaft FAU ihre Zeitung „Direkten Aktion“ (DA) als Printausgabe einstellt oder gefragt wird, warum „die DA, die Graswurzelrevolution, die Găi Dào, die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, libertäre Verlage und Projekte“ als „real existierender Anarchismus“ nicht in dem „Film Projekt A“ vorkommen - als ob es bei Anarchismus alleinig um die Herstellung von Büchern und Zeitungen ginge und die porträtierten Personen nicht dazu gehören würden. Aber auch Menschen, die in Griechenland ein Feuerwehrauto anzünden (wie im Film zu sehen) können sich durchaus als Anarchist*innen verstehen und ich würde ihnen das nicht absprechen, bloß weil ich eine Aktion nicht nachvollziehen kann. Dabei ist gerade auch an diesem Buch zu merken, dass die Wahrnehmung was als anarchistisch gilt, sehr subjektiv ist, denn es werden durchaus auch Projekte und Personen interviewt, die sich nicht unbedingt als anarchistisch verstehen, was aber in den Interviews nicht immer klar wird. Teilweise habe ich das Gefühl, dass Personen und Projekte als anarchistisch vereinnahmt werden, obwohl sie sich die Selbstbezeichnung gar nicht geben wollen – wozu der Titel und Anspruch des Buches nicht passt. Dem zu Grunde liegt vermutlich aber auch generell die Schwierigkeit, dass zwar manche Gruppen sich als explizit anarchistisch bezeichnen, anderen inhaltlich dem Anarchismus nahe Stehenden sich aber nicht labeln lassen wollen – vermutlich auch das ein Grund warum es wenige gute Bücher über aktuellen Anarchismus im deutschsprachigen Raum gibt. Die Interviews bieten insgesamt einen kurzen, oberflächlichen Einblick in verschiedene Projekte, die der Interviewer interessant fand und manchmal auch in unterschiedliche Wege, wie Menschen zu einer anarchistischen Haltung gefunden haben und diese leben – wer danach sucht, wird hier fündig.