2016-02:Christliche Kirche und Religion heute

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Und heute?

jb Selbstkritische Kreise, die das stete Schweigen oder Mitmachen der christlichen Kirchen bei den Verbrechen der Vergangenheit einräumen, sind selten - und viele verweisen dann auf die Veränderungen in der Neuzeit. Doch stimmt das? Haben christliche Organisationen gelernt, menschliche Vielfalt und Würde anzuerkennen statt sie mit ihrem Alleinvertretungsanspruch des richtigen Glaubens zu bedrängen?

Zweifel sind angebracht. Das gilt nicht nur grundsätzlich bei einem skeptischen Blick, welchen Hintergrund eigentlich überhaupt die Aufladung ausgewählter Schriften und vieler Predigten als vermeintliches Wort Gottes hat. Das hatte schon bei Luther zu einer fatalen Selbstüberschätzung als Inhaber göttlicher Weisheit und Wahrheit geführt - mit den bekannten Folgen für alle Andersdenkenden. Zum Glück ist die Umsetzung per Scheiterhaufen oder Gaskammern außer Mode gekommen, so dass die offiziellen christlichen Kirchen heute mehr auf die (durch weiter behaupteten Gottesbezug gesteigerte) Macht des Wortes setzen. Zwecks Umsetzung suchen sie den Pakt mit der Exekutive - von Armeen über Finanzämter und dem Strafregime. Weniger harmlos sind die fundamentalistischen Ränder, die es im Christentum genauso gibt wie in anderen Kollektiven geistiger Verwirrung, oft auch Religion genannt.

Fundamentalismus

Kreationismus, die starke Präsenz von Christ_innen bei Pegida oder den Demos pro Hetero-Ehe und gegen Abtreibung sind aktuelle Formen christlichen Fundamentalismusses. Ein in Deutschland gerade diskutiertes Beispiel ist Wolfgang Gedeon, der in Baden-Württemberg wegen antisemitischer Ausfälle sogar in der AfD unerwünschte Landtagsabgeordnete. Seine Neigung zu fundamentalistischen Denkmustern, zeichnet ihn schon lange aus. Wikipedia beschreibt den Wandel vom linken Autoritäts- zum Gottesglauben: "Nach eigenen Angaben löste er sich in seiner Studentenzeit von der katholischen Kirche, wendete sich marxistischen Schriften zu und wurde „praktizierender Kommunist“. In den 1970er Jahren war er Mitglied der maoistischen KPD/ML und zeitweilig deren Erster Vorsitzender des Zentralkomitees in Gelsenkirchen. Nach dem Tode Mao Zedongs will er sich schrittweise vom Kommunismus gelöst, über Jahrzehnte aber keine politische Heimat gefunden haben und wandte sich über die Esoterik immer weiter nach rechts. Im April 2013 trat er der AfD bei und wurde zum ersten Vorstandssprecher des Kreisverbands Konstanz gewählt. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 erhielt er auf Basis von 15,7 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Singen ein Zweitmandat der AfD für den Landtag. Gedeon wird dem rechten Flügel der Partei zugeordnet.“ Auf seiner eigenen Internetseite stellt er heute die Frage: „Welche Leitkultur wollen wir: eine laizistsich-amerikanische, eine christlich-europäische oder eine muslimisch-asiatische?“ und bezieht sich in seiner Antwort vor allem auf Thilo Sarrazin. In seinem dreibändigen Werk „Christlich-europäische Leitkultur“, welches die Kritik im Landtag hervorrief, zeigt Gedeon unter dem Pseudonym W.G. Meister alle geistigen Facetten des christlichen Fundamentalismus. Selbst die uralte Nummer mit den gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“ ist noch Teil seiner Gedankenwelt. Wie andere Köpfe solchen Denkens - genannt seien hier beispielhaft die auch in politischen Bewegungen auftretenden AZK-Macher Ivo Sasek und UL-Prophetin Gabriele Wittek - konstruiert er aus einer (fast) wörtlichen Bibelauslegung und dem Glauben an die Überlegenheit der eigenen Gottesfigur eine tiefe Ablehnung aller andersartiger Menschen, quasi der Un- und Falschgläubigen. In diesem Fanatismus sind christliche Fundamentalist_innen den intoleranten Strömungen anderer Glaubensrichtungen ebenbürtig.

Auszug aus dem komplett in Interviewform verfassten Buch (Band 1, S. 27f):

Gerlinde Wolf: Das multikulturelle Europa ist ideologisch also eingekreist von einem zionistisch dominierten Säkularismus auf der einen und einem fundamentalistischen Islam auf der anderen Seite.
W.G. Meister: Dieser tödlichen Umklammerung kann Europa nur entgehen, wenn es seine christlichen Wurzeln wieder entdeckt.
Gerlinde Wolf: Wo liegen die? Es gibt doch kaum mehr Christen in Europa?
W.G. Meister: Auf den ersten Blick sieht es so nus. Das kann sich in Notzeiten aber schnell ändern.
Gerlinde Wolf: Wollen Sie einen christlichen Gottesstaat? Sind Sie womöglich ein christlicher Fundamentalist?
W.G. Meister: Das Christentum ist in seiner politischen Konsequenz eine Religion der Mitte. Es will keine völlige Verbindung von Religion und Staat und will dem Menschen die Freiheit lassen, sein Heil selbst zu suchen. Auf der anderen Seite aber lehnt es einen Staat ab, der ohne jegliche Verantwortung die heidnische Verwahrlosung seiner Bürger geschehen läßt oder diese sogar selbst betreibt, wie das heute der Fall ist. Am meisten entspricht dem Christentum heute eine liberale Demokratie mit christlicher Grundorientierung bzw. christlich-europäischer Leitkultur.