2016-02:Einkommen schlägt Umweltbewusstsein

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Einkommen schlägt „Umweltbewusstsein“

Michael Bittner Ausgerechnet unter den Menschen, die sich für umweltbewusst halten, sind besonders viele mit einem hohen Energie- und Ressourcenverbrauch. Was erst mal unlogisch klingt, hat einen einfachen Grund: Die „Umweltbewussten“ haben in der Regel ein hohes Einkommen und geben entsprechend viel für Wohnen und Mobilität aus. Genau dafür geht aber der meiste Umweltverbrauch drauf.

Der Ressourcen- und Energieverbrauch von Menschen hängt vom Einkommen ab und nicht vom Umweltbewusstsein. So lautet das zunächst überraschende Ergebnis einer Studie, die das Umweltbundesamt (UBA) mitten in der Sommerpause veröffentlicht hat. Danach sind für die persönliche Umweltbilanz zwei „Big Points“ entscheidend, zwei große Posten: Wohnen und Mobilität. Genauer gesagt geht es um die Größe und den Heizbedarf der Wohnung sowie um das Fliegen und Autofahren.

Nach den Erkenntnissen der Forscher spielt es in diesen Bereichen keine Rolle, ob jemand sich selbst als umweltbewusst einschätzt oder nicht, sondern es zählt nur das Geld, das er zur Verfügung hat. „Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen – auch wenn die Menschen sich ansonsten im Alltag umweltbewusst verhalten“, beschreibt das UBA den entscheidenden Zusammenhang. Das könne dann auch durch das Einkaufen im Bioladen und eine umweltfreundliche Lebensführung nicht mehr ausgeglichen werden. „Menschen aus einfacheren Milieus, die sich selbst am wenigsten sparsam beim Ressourcenschutz einschätzen und die ein eher geringeres Umweltbewusstsein haben, belasten die Umwelt am wenigsten“, schreiben die Studien-Autoren.

Das Umweltbundesamt erkennt zwar auch Pluspunkte bei den „Umweltbewussten“, wenn es etwa um die Einführung umweltfreundlicherer Produkte oder die Zustimmung zu besserer Umweltpolitik geht. Doch die allermeisten in dieser Gruppe blenden nach Ansicht der Wissenschaftler die Minuspunkte ihrer Umweltbilanz so stark aus, dass das mit ihrem Selbstbild als Öko-Vorreiter nicht zusammenpasst. Die Studie hatte zum ersten Mal repräsentative Verbrauchs- und Emissionsdaten für Einzelpersonen unter Berücksichtigung aller wichtigen Konsumbereiche und gesellschaftlichen Gruppen erhoben.

Eigentlich nichts Neues

Sieht man genauer hin, ist weniger das Ergebnis der UBA-Studie bemerkenswert als vielmehr die Tatsache, dass viele ähnliche Untersuchungen, die es schon gibt, bisher ignoriert wurden. So fanden Forscher aus Großbritannien und anderen Ländern im Jahr 2012 heraus, dass es keinem einzigen Land der Welt gelingt, hohe Einkommen und einen hohen Lebensstandard mit einem niedrigen Treibhausgasausstoß zu vereinbaren. Allerdings stellten die Wissenschaftler fest: In einigen Ländern erreichen die Bewohner mit niedrigen Einkommen und entsprechend niedrigen Treibhausgasemissionen trotzdem einen hohen Lebensstandard – gemessen am Lebensalter. Die Forscher schlussfolgerten, dass in den reichen Staaten zusätzliches Wirtschaftswachstum keine positiven Umweltwirkungen mehr hat.

Während dieser Ländervergleich immer nur das jeweilige Durchschnittseinkommen betrachtet, haben Sozialwissenschaftler sich mit der Verteilung des Reichtums innerhalb eines Landes beschäftigt. In ihrem 2010 erschienenen Buch „Gleichheit ist Glück“ legten die britischen Gesundheitsforscher Richard Wilkinson und Kate Pickett dar, warum soziale Ungleichheit das größte Hindernis für eine zukunftsfähige Gesellschaft ist. Das Werk fand erstmals auch größere Beachtung außerhalb der Sozialforschung – allerdings nicht bei den Umweltverbänden in Deutschland, obwohl auch hier die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer weiter aufgeht.

Dabei haben österreichische Umweltforscher, die sich mit den Erkenntnissen von Wilkinson und Pickett auseinandergesetzt haben, inzwischen klare Belege dafür gefunden, dass Ungleichheit auch eine negative Umweltwirkung hat. Die Österreichische Energieagentur kam außerdem schon 2012 in einer Studie zu ähnlichen Ergebnissen wie jetzt das deutsche Umweltbundesamt.

In den Gewerkschaften wird schon länger über den Zusammenhang von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit nachgedacht, auch in der Bundesrepublik. „Reichere kaufen öfter Biokost und zeigen ein ausgeprägteres Umweltbewusstsein. Doch ihr ökologischer Fußabdruck ist meist größer als der Ärmerer, die sich keine großen Wohnungen oder Fernreisen leisten können“, schrieb Frank Bsirske, der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, schon Jahre vor der UBA-Studie in einem Debattenmagazin der Umweltverbände. „Das berührt einen empfindlichen Punkt in der Debatte.“

Allerdings wollen die Gewerkschaftschefs diese Debatte dann lieber doch nicht weiter führen. Wenn Politiker und die Industrie sich für das Weiterlaufen der Kohlekraftwerke einsetzen oder wenn Gewerkschafter Angstkampagnen gegen Klimacamps starten, bleiben Bsirske und seine Vorstandskollegen stumm.


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